Kazuo Ishiguro // Was vom Tage übrig blieb

Was vom Tage übrig blieb: Buchcover
Kazuo Ishiguro // Was vom Tage übrig blieb
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Mr. Stevens nimmt seinen Job als Butler sehr ernst. Und das bedeutet: unsichtbar sein, bloß nicht zu viel sagen, bloß nicht die Haltung verlieren, bloß keine Emotionen preisgeben. Eine Meisterleistung, unter dieser stocksteifen Oberfläche die Gefühle der Charaktere darzustellen. Ishiguros Charakterbild in Was vom tage übrig blieb ist ein Gedankenschmaus.

  • Darum lesen: Ishiguro ist Literaturnobelpreisträger und Was vom Tage übrig bliebt eines seiner wichtigsten Werke. Sprachlich außerdem ein Hochgenuss.
  • Darum nicht lesen: Wer auf Kitsch, Action und/oder einfache Sprache steht, wird sich bei diesem Buch sicherlich langweilen. Eine treibende, spannungsgeladene Story gibts nicht

Ich las Was vom Tage übrig blieb in erster Linie aufgrund des Nobelpreises seines Autors. Und es hast sich gelohnt. Mit verschachtelter, ernster Sprache schildert Ishiguro sechs Tage im Leben des Butlers Mr. Stevens, in denen dieser durch England reist und sich an die vergangenen 30 Jahre erinnert. Ishiguro gewährt Einblicke in das Leben eines Butlers am Hause eines Lords, der sich immer wieder gerne in die Politik in Europa einmischt – und dabei quasi aus Versehen Hitler zur Macht verhilft. Für Stevens ist es ein Leben voller Selbstaufgabe, Demut und Pflichtbewusstsein. Für Gefühle ist kein Platz. Als am Ende alles zu zerbrechen scheint, muss sich Mr. Stevens fragen, was von seinem Leben eigentlich übrig bleibt.

Meisterhaft: Sprache und Show Don’t Tell

Die Meisterleistung dieses Werkes besteht zum einen in der Sprache, die allein ausreichen würde, Mr Stevens zu charakterisieren. Sie ist formell, verschachtelt, verbindlich. Der Text ist trotz dieser eher schweren und sperrigen Sprache gut zu lesen. Ein Beispiel:

Ich hoffe, man ist mit mir der Ansicht, dass mein Vater in diesen zwei Episoden aus seiner Laufbahn – die ich mir beide bestätigen ließ und die ich für erwiesen halte – das, was die Hayes Society „mit seiner Position in Einklang stehender Würde“ nennt, nicht nur bekundet, sondern regelrecht verkörpert.

Meisterhaft ist ebenfalls, wie viel diese Sprache zu transportieren vermag, obwohl Mr. Stevens, der Ich-Erzähler sich alle Mühe gibt, Emotionen zu verstecken. Der Text ist insofern ein Musterbeispiel für heranwachsende Erzähler, denn die Basisregel Show Don’t Tell wird grandios umgesetzt:

Sie streckte die Hand aus und begann, mir das Buch sanft zu entwinden. Ich hielt es für das Beste, zur Seite zu schauen, während sie dies tat, aber da sie unmittelbar vor mir stand, war das nur zu bewerkstelligen, indem ich den Kopf in einem unnatürlichen Winkel verdrehte. Miss Kenton befreite weiter behutsam das Buch aus meinem Griff, indem sie einen Finger nach dem anderen davon löste. Der Vorgang schien sehr lang zu dauern – es gelang mir, während der ganzen Zeit meine Positur unverändert beizubehalten -, bis ich sie schließlich sagen hörte: „Du liebe Güte, Mr. Stevens, das ist ja gar nichts Skandalöses. Nur ein sentimentaler Liebesroman.“

Zum Buch und seinem Autor

Was vom Tage übrig blieb ist Ishiguros drittes Werk, für das er 1989 mit dem Booker Preis ausgezeichnet wurde. Außerdem steht es auf der BBC-Auswahl der bedeutendsten britischen Romane, die 2015 getroffen wurde. Das Buch hat also einige Jahre und Auflagen hinter sich. Durchaus zu Recht. Aber man sollte doch meinen, dass der eine oder andere Rechtschreibfehler in dieser Zeit ausgebessert werden könnte. Stattdessen wurde wohl lediglich der Titel an die neue deutsche Rechtschreibung angepasst (übrig blieb statt übrigblieb). Das fängt peinlicherweise schon auf dem Buchrücken an, wo von Miss Stenton die Rede ist. Die Dame heißt Miss Kenton. Und auch zwischen den beiden Buchdeckeln lassen sich einige Fehler finden.
Schade, die Aufmachung wird dem Inhalt nicht gerecht.

Kazuo Ishiguro // Was vom Tage übrig blieb
2. Auflage der Taschenbuchausgabe, 2016 // 1989
Heyne // Faber & Faber
288 Seiten

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