Buchcover Open City

Ein Typ läuft durch New York, die Open City, und erzählt beiläufig, was er so erzählt. Das ist alles. Erstaunlich, dass ein so handlingsarmes Buch so gut sein kann.

  • Darum lesen: intellektuell interessantes Porträt New Yorks
  • Darum nicht lesen: naja, es passiert halt wenig

Teju Cole kann wahnsinnig gut schreiben. Das klingt alles so beiläufig und natürlich, so unspektakulär, aber dennoch erzählenswert. Er hat ein Gespür für Begegnungen im Alltag: ein alter Freund, ein Professor, ein Teilnehmer des New York Marathons. Und trotz der oberflächlichen Belanglosigkeit liegt so viel Tiefe in den kleinen Geschichten.

Überall in dieser Stadt trugen die Menschen unvorstellbar viele kleine Geschichten mit sich herum.

Ich kenne New York nicht. Aber angeblich gibt Open City das Gefühl, in dieser Stadt unterwegs zu sein, perfekt wieder. Das Buch beginnt mit einem Stream of Consciousness, Cole bzw. Julius, der Erzähler, Einwanderer aus Nigeria wie Cole, beschreibt die Architektur, die Eigenart der Straßen, die Menschen. Er ist sehr gebildet, interessiert sich für Klassik, für Jazz etwas weniger. Er beschreibt seinen Berufsalltag als angehender Psychiater und lässt Erinnerungen an Nigeria einfließen, genau wie die Geschichten von Flüchtlingen und anderen Menschen, denen er begegnet. Es geht um Rassismus, Gewalt, Terrorismus, 9/11, Sexismus, den Tod. Teju Cole thematisiert all das unaufgeregt, ohne Schuldzuweisung. Am Ende stellt Julius fest: er ist nicht nur Opfer. Er ist selbst auch Täter. Und auch das bleibt erstaunlich unkommentiert.

Es scheint fast, als dürfe ein Täter keine Kritik äußern, müsse Verständnis für die Sichtweise des islamistischen Terroristen und des antimuslimischen Rassisten aufbringen. Furchtbare Sichtweise, aber es bleibt nicht bei diesem relativistischen Geblubber. Es ist mehr so, dass Julius indifferent ist, Cole seinem Leser aber dennoch verschiedene Sichtweisen anbietet.

Das alles ist superinteressant, aber auch immer wieder ziemlich anstrengend. Denn Cole erzählt eliptisch. Er imitiert das Gefühl, viel zu müde noch ein Buch zu lesen. Man glaubt wegzunicken, Teile der Geschichte zu verpassen. Man liest plötzlich ein Detail und denkt sich, moment, mir fehlt doch etwas. Man blättert zurück, liest erneut. Nein, Cole hat einfach keinen Übergang eingebaut. Unvermittelt wie ein Gedankensprung erzählt er plötzlich von Dingen, die zwar im Kopf von Julius einen Anknüpfungspunkt finden, nicht aber im Kopf des Lesers.

Es geht darum, sich eine Herausforderung zu suchen und etwas auf vollendete Weise durchzuführen, ob man nun mit dem Fallschirm springt oder von einer Klippe oder einfach nur eine Stunde bewegungslos dasitzt und schweigt, man muss es so machen, dass es Schönheit hervorbringt.

Um etwas zu beschreiben, kann es manchmal sinnvoll sein, zu sagen, wie etwas nicht ist. Open City ist beispielsweise nicht wie Ulysses oder die Bücher von David Wallace. Intellektuell, ja, aber zugängicher. Teju Cole hebt New York ab, indem er Julius ganze drei Wochen und etwa ein Fünftel des Buches nach Brüssel schickt. In Brüssel wird alles plötzlich konkret und übersichtlich. Immernoch intellektuell, aber wohlsortiert. Anders als New York eben. Nicht nur wegen dieser Brüssel-Passage ist Open City mehr als nur ein Porträt New Yorks, sondern auch eine Beschreibung des intellektuellen Lebensstils, bei dem die Gedanken treiben dürfen, angeregt werden durch verschiedene kulturelle Einflüsse, bei dem fremde Gedanken weitergesponnen werden und zu den eigenen gemacht werden.

Es dauert lange, bis ich Teil dieser Geschichte werde. Mir ist alles fremd. Ich kenne weder New York noch Brüssel, weder Jazz noch Klassik besonders gut. Ich weiß nicht, wie es ist, Opfer von Rassimus zu sein. Es gibt wenig Anknüpfingspunkte für mich, es dauert lange, bis eine Figur im Buch erneut auftaucht und sich größere Geschichten spinnen oder die Zarten Stränge einer Nebenfigur ihren Abschluss finden. Aber gerade das macht den Reiz dieses Buches für mich aus. Ich tauche ein in New York und verändere meinen Blickwinkel auf diese faszinierende Stadt, von der ich schon so viel gehört und gesehen habe.

Das Buch hat kein klassisches Ende. Natürlich nicht. Wie könnte es. Julius Geschichte ist nicht zu Ende, die von New York erst Recht nicht. Und wieder gelingt es Teju Cole unglaublich gut, unvermittelt aufzuhören, als ob jemand einen Fernseher mitten in der Sendung ausschaltet.

Teju Cole // Open City
3. deutsche Auflage 2015, 2013 // 2011
Suhrkamp
334 Seiten

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