Oliver Sacks // Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte

Buchcover: Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte

Der erfahrene Neurologe Oliver Sacks plaudert aus seinem Notizbüchlein, in dem er all die Jahre interessante Fälle notiert hat. Das ist spannend, faszinierend, lehrreich – und gewährt einen niedrigschwelligen Einblick in die Hirnforschung und Psychologie.

  • darum lesen: faszinierende Einblicke in die Neurologie, anrührende Fälle
  • darum nicht lesen: teilweise etwas langatmig

Da ist der Sudent, der riechen kann wie ein Hund, Menschen, die plötzlich eine Begabung finden, eine Frau, die zwar weiß, was links ist, nicht aber was rechts ist und – natürlich – der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte. Absurde, erschreckende, grausame, amüsante, rührende Geschichten neurologischer Krankheitsfälle. Oliver Sacks hat diese Geschichten, Gedanken und Überlegungen teilweise bereits in verschiedenen Magazinen und medizinischen Journalen veröffentlich. Tut dem Buch aber natürlich keinen Abbruch, es handelt sich ja nicht um ein Fachbuch, sondern eher um populärwissenschaftliche Essays.

Das Buch erschien bereits 1987 auf dem deutschen Markt, ich fand die 40. Auflage von 1990 in der örtlichen Leichbücherei. So kann es gut sein, dass die Forschung inzwischen weiter ist – auch wenn Herr Sacks den Geschichten in einer der Folgeauflagen jeweils eine Nachbetrachtung gönnte und darin neue Erkenntnisse oder aber Entwicklungen in dem einen speziellen Fall schildert.

Lachen über Kranke?

Zwischendrin habe ich mir immer wieder die Frage gestellt, ob ein gesunder Arzt mit mir gesundem Leser so über kranke Menschen sprechen darf. Das wirkt nämlich nicht immer respektvoll, sicherlich ist die Sprache an einigen Stellen bereits veraltet. Es ist, als ob da ein Neurologe mit Freunden in der Bar sitzt und nach Feierabend über seine Patienten lacht. Gleichzeitig spüre ich aber das ehrlichen Bedürfnis, den Menschen zu helfen. Immer wieder schildert Sacks, wie die Menschen aufblühten, nachdem er oder andere Mediziner erstnal herausfanden, welche Synapsen im Hinr falsch verbunden waren. Das medizinische Interesse geht selten mit ihm durch, was er dann sogleich selbstkritisch anmerkt. Etwa, als er einen 60-jährigen Patienten, der sich für einen 20-jährige Version seiner selbst hielt, in einen Spiegel blicken ließ.

Umso schöner die Fälle, in denen Sacks den Menschen tatsächlich helfen und etwas verändern konnte, etwa indem er ihnen dabei half, ihre Begabung und Leidenschaft zu entdecken. Da geht mir ja das Herz auf. Menschen, die ein Dasein voller Krankenhausflure, Medikamente und genervter Menschen fristen mussten. Und plötzlich die eine Sache tun können, die sie wirklich außerordentlich gut können, mit der sie anderen helfen und sie begeistern können: Da stecken Kunsthandwerker, Musikexperten, Theaterschauspieler in Menschen, die Jahrzehnte lang nur als Pflegefall gesehen wurden.

Die Fragilität des Gehirns

Leider geht nicht jede Patientengeschichte gut aus und oftmals bleibt nichts übrig, als festzustellen, wie fragil der Mensch mit all seinen Körperfunktionen doch ist, insbesondere was das Hirn angeht. Ein Wunder, wozu wir fähig sind und dass tatsächlich fast immer fast alles funktioniert, was eben funktionieren muss. Beängstigend zu sehen, wie leicht da etwas aus der Balance kommen kann. Erstaunlich, wie unendlich komplex die alltäglichsten Dinge sind – und welch drastischen Auswirkungen es hat, wenn nur eines von vielen Details nicht stimmt.

Oliver Sacks // Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte
40. Auflage 1990 // 1987, 1985
rororo // Summit Books
352 Seiten

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