Nikolaus Fahrner // Der Weltentraum

Das Buch Weltentraum von Nikolaus Fahrner wird immer einen Ehrenplatz in meiner Buchhistorie einnehmen. Schließlich ist es das erste Selfpublishing-Buch, das ich je gelesen habe. Und es ist gar nicht mal so schlecht. Trifft zumindest auf die Geschichte zu. In die Ausarbeitung derselben hätte der Autor aber gerne etwas mehr Energie investieren können.

  • darum lesen: spannende Geschichte für Jugendliche, knapp erzählt
  • darum nicht lesen: unausgereift und einige handwerkliche Fehler

Jonathan darf ein neues Computerspielsystem testen. Mithilfe eines Helms und einer VR-Brille taucht er tiefer in virtuelle Welten ein, als es ein Spiel jemals zuvor ermöglicht hatte. Natürlich hat das Folgen: Jonathan vernachlässigt zunehmend die wirkliche Welt und kann zudem immer weniger zwischen Virtualität und Realität unterscheiden.

Insbesondere die Frage, was eigentlich Realität ist und wie sich diese von einer Wahrnehmung unterscheiden lässt, die lediglich elektrische Impulse interpretiert, wurde und wird ja immer wieder thematisiert. Matrix und Inception sind einige bekannte Vertreter, der Film eXistenZ ist dem Buch Weltentraum besonders nahe, denn auch hier geht es um ein Computerspiel. Doch Weltentraum ist weit weniger intensiv und brutal erzählt, Zielpublikum sind vermute ich 12- bis 15-jährige Jugendliche.

Nikolaus Fahrner hat sich eine gute, wenn auch nicht übermäßig innovative Geschichte ausgedacht. Jonathan wird in die virtuelle Welt gezogen und vernachlässigt die Schule, seine Familie und seine Freunde. Das Computerspiel wird immer intensiver und gleichzeitig baut sich Ungemach in der richtigen Welt auf. Das ist alles gut strukturiert und beide Geschichtsstränge sind auf ihre je eigene Weise spannend. Auch die Figuren sind an sich gut gestrickt. Insbesondere Jonathan macht eine interessante Entwicklung durch.

Und jetzt kommt das Aber.

Aber Jonathans Charakter und seine Entwicklung können sich nicht wirklich entfalten. Es ist alles angelegt, es ist grundsätzlich alles da, aber der Autor nutzt seine eigene Vorlage nicht und verballert aus fünf Metern, freistehend vor dem leeren Tor. Denn er erzählt nicht wirklich. Der Weltentraum mit seinen etwa 150 Seiten Umfang ist eher ein ausführlich formulierter Plan. Fahrner behauptet viel zu viel. Das ist in erster Linie „tell“ und relativ wenig „show“. All die Charakterzüge und Beziehungsnetze, die er wunderbar aufgesponnen hat, müsste er anhand echter Begebenheiten zeigen – und nicht nur beteuern, dass sich beispielsweise Jonathan und seine Schwester gut verstehen.

Wenn er das machen würde, würden die 150 Seiten locker auf 300 anwachsen und wir hätten einen ziemlich guten Jugendroman, an dem man nur noch an der einen oder anderen Stelle einige Details feilen müsste:

  • Die Charaktere haben es im zweiten Teil der Geschichte zu leicht. Als zum Beispiel Jonathans Schulleistungen nachlassen und er unter anderem deswegen Ärger mit seinem Vater bekommt, trudelt die Einladung zu einer einwöchigen Testphase des Spiels ein. Und der Vater lässt sich innerhalb von fünf Minuten überreden.
  • Ebenfalls im hinteren Teil des Buches gibt es einige Elemente, die die Story spannend halten und vorantreiben. Solche Elemente sollten aber nicht einfach auftauchen, sondern auf irgendeine Weise zuvor angekündigt werden.
  • Die Welt der Zukunft müsste sich klarer von unserer heutigen Welt unterscheiden.
  • Sprache und Ausdruck etwas glätten.
  • Der Textsatz wirkt ebenfalls nicht ausgereift.

So ist Der Weltentraum eine gute Geschichte – aber (noch) kein gutes Buch.

Text basiert auf kostenlosem Rezensionsexemplar

Nikolaus Fahrner // Der Weltentraum
PDF-Ausgabe, 2018
Selfpublishing
124 Seiten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.