Niklas Natt och Dag // 1793

Eine Leiche wird aus dem Wasser gefischt. Ohne Arme, Beine, Zähne, Zunge und Augen. Es ist das Opfer monatelanger Folter. Was ist das für eine Welt, in der solche Verbrechen passieren?

  • darum lesen: dicht, atmosphärisch, düster, intensiv. Tolle Nebenstränge.
  • darum nicht lesen: übertrieben brutal und bestialisch

Was ist das für eine Welt, in der solche Verbrechen passieren? Es ist das historische Stockholm des Jahres 1793. Gut, zumindest das Jahr war jetzt keine Überraschung und natürlich spielt die Revolution eine gewisse Rolle, die wie ein Schatten über der Stadt liegt und aus Frankreich herüberzuschwappen droht. Der Krieg mit Russland hatte Opfer gefordert, der König war im Vorjahr ermordet worden und der erst 13-jährige Thronfolger ist eine Marionette.

Es ist eine düstere Welt. Auf den Straßen liegen menschliche Ausscheidungen, Seuchen gehen um, alles ist dreckig, schlammig, morastig. Der Mensch ist dem Mensch ein Wolf. Es herrschen Lug und Betrug, Mord und Totschlag, Korruption und Intrigen sowieso. Naja und eben Folter. Inmitten all der Sünde leuchtet ein einziges Licht der Moral und Vernunft, allerdings mit einer Flamme, die beim kleinsten Windhauch zu erlischen droht. Denn Winge, der seiner Umgebung in Sachen An- und Verstand um dutzende Jahrzehnte voraus ist, hat Tuberkulose und hustet sich das letzte bisschen Leben in blutigen Brocken aus dem Leib.

Bleibt nur zu hoffen, dass er das Verbrechen aufklären kann, bevor er dahingerafft wird. Zur Unterstützung holt er sich einen verkrüppelten Veteranen, der zwar als Häscher bezahlt wird, sich aber weigert, Diebe und Huren festzusetzen, die seiner Meinung nach vom gnadenlosen Schicksal zu ihren Taten getrieben wurden. Stattdessen betäubt er seinen Schmerz mit Alkohol und verprügelt jeden, der sich ihm in den Weg stellt, mit seiner hölzernen Prothese.

Meister Höss braucht mehrere Anläufe, um den Kopf vom Leib zu trennen. Der erste Hieb trifft die Schulter, der zweite den Hinterkopf. Dann reißt die Kopfhaut, und ein Ohr baumelt hinab. Es ist schwer auszumachen, ob Mårten Höss selbst lacht oder weint, als er anfängt, das Beil wild herumzuschwingen, und aus vollem Hals schreit: „Zur Strafe und andern zur Warnung! Zur Strafe und andern zur Warnung!“ Erst nach dem fünften Schlag verstummen beide Stimmen, die des Verurteilten und die seines Henkers.

Ist schon nicht ganz ohne, dieses Buch zu lesen. Superintensiv, dicht geschrieben. Und halt brutal und explizit. Stellenweise psychedelisch, denn in den Suff seiner Protagonisten nimmt uns der Autor auch mit hinein. Dazu erzählt er nicht rein chronologisch, sondern in vier Blöcken zumindest teilweise rückwärts. In jedem der vier Teile tauchen neue Protagonisten auf und es dauert lange, bis der Leser versteht, welche Rolle die neue Figur in der Geschichte einnimmt. So liest sich 1793 stellenweise wie ein brutaler historischer Episodenkrimi.

Die beiden Ermittler dürfen zunächst nur im ersten Teil ran, im Herbst des Jahre 1793. Im Sommer erhaschen wir erste Blicke auf den Täter, im Frühling rutscht eine vom Schicksal arg gebeutelte Jungfrau in die Hauptrolle, die bei den späteren Ermittlungen entscheidend ist. Und im letzten Teil springen wir wieder nach vorne, in den Winter des Jahres 1793, wo sich alles aufklärt, aber nicht ohne dass das eine oder andre Drama noch auf die Spitze getrieben wird.

Puh.

Über Buch und Autor

Die zentralen Themen des Buches sind der Wolfsgedanke, homo homini lupus, wie übel der Mensch anderen Menschen zusetzt. Außerdem: wie unterschiedlich die Menschen mit ihrem jeweils kaum zu ertragenden Schicksal umgehen. Der eine wird zum Monster, der nächste gibt jeden Widerstand auf, einer flieht in den Suff, andere Kämpfen auf ihre Weise bis zum Letzten und notfalls gegen sich selbst. Und nicht mal Winge, der vor lauter Todesbleiche strahlende Held, schafft es, seinen Prinzipien treu zu bleiben. Entweder du bist ein Wolf oder du wirst gefressen. Nun, mit einem kleinen bisschen Hoffnung schmiert der Autor die geschundene Seele des Lesers gegen Ende doch noch ein.

Ob das Buch gut recherchiert ist, weiß ich nicht. Bin kein Historiker, war noch nie in Stockholm (habe aber jetzt Lust, dorthin zu reisen). Im Nachwort gibt der Autor einen kurzen Einblick in seine Arbeit und seine Methoden. Nun, das Bild ist glaubhaft und das soll mir reichen. Im gedruckten Buch gibt’s einen Stadtplan von Stockholm, der zwar interessant ist, aber keineswegs notwendig, um der Geschichte folgen zu können. Eigentlich ist er komplett unerheblich, ich mag aber nunmal Karten und so ärgere ich mich tatsächlich ein wenig, nur die Kindle-Variante zu besitzen, in der die Karte fehlt.

Niklas Natt och Dag ist Journalist und gehört selbst dem schwedischen Adel an, der in 1793 gar nicht gut wegkommt. Natt och Dag ist sein richtiger Name, ein uraltes Geschlecht, über das es sogar Legenden gibt und das möglicherweise bis ins Jahr 1000 oder so ähnlich zurückgeht. Ja meine Güte, was soll man denn mit so einem Namen anderes machen, als düstere Krimis zu schreiben? Ist ihm jedenfalls hervorragend gelungen.

Niklas Natt och Dag // 1793
Kindle-Version der 1. deutschen Auflage 2019, 2017 // Rezensionsexemplar
Piper Verlag
496 Seiten

 

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