Nassim Nicholas Taleb // Skin in the Game

Nassim Nicholas Taleb // Skin in the Game
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Wer eine Entscheidung trifft, sollte auch das Risiko dieser Entscheidung tragen. Das ist die zentrale These von Talebs Skin in the Game. Und die trägt er provokant, polemisch und polarisierend vor.

  • darum lesen: intelligente Gedanken, hervorragend geschrieben, spannende Thesen
  • darum nicht lesen: ziemlich viel Gepolter, Gemeckere und unfaire Schwarz-Weiß-Denken, getarn als „Satire“

Ich finde die zentrale These von Skin in the Game großartig. Auf dem Buchrücken wird sie sehr gut zusammengefasst:

Stehen wir für die Risiken ein, die wir verursachen? Zu viele Menschen, die auf der Welt Macht und Einfluss haben, so Nassim Taleb, müssen nicht wirklich den Kopf hinhalten für das, was sie tun und veranlassen. Weil sie den Preis nicht bezahlen müssen, wenn sie irren, fällen sie schlechte Entscheidungen.

Er meint damit Politiker, Manager, Journalisten, Kriseninterventionisten und viele mehr. Er meint jede Situation, wo die Symmetrie von Entscheidungsgewalt und Risiko nicht stimmt.

Ich liebe diese These. Sie drückt eine grundlegende Form von Gerechtigkeit aus, die unserer Gesellschaft abhanden gekommen ist. Und viele spüren das. Sie regen sich auf, wenn irgendwelche Manager Mist bauen und entweder die Firma an die Wand fahren oder kriminelle Energie aufblitzen lassen und Millionenabfindungen bekommen. Taleb geht es aber nicht nur um Ungerechtigkeit, sondern auch um Risiko. Wer seine eigene Haut nicht riskieren muss, ist bereit, Risiken einzugehen, die die gesamte Menschheit und die gesamte Welt gefährden.

Und damit ist Skin in the Game eine großartige Fortsetzung von Ulrich Becks Risikogesellschaft. Der hatte vor über 30 Jahren die These entwickelt, die Weltgesellschaft würde immer größere Risiken in Kauf nehmen, um Probleme zu beseitigen. Zu diesen Risiken gehört beispielsweise die Atomkraft, die sich letztendlich nicht kontrollieren lässt. Ein Umdenken findet erst statt, wenn etwas passiert: Tschernobyl, Fukushima. Allerdings füren die Probleme nur wieder dazu, dass neue Risiken eingegangen werden müssen. So wurde in Deutschland zwar der Atomausstieg beschlossen – und stattdessen auf Kohlestrom und Atomstrom aus dem Ausland gesetzt. Warum das so ist, das erklärt Nassim Taleb: diejenigen, die die Probleme lösen sollen, leiden vergleichsweise wenig, falls der Risikofall eintritt.

Schreibstil

Taleb schreibt kein wissenschaftliches Fachbuch. Er schreibt, um zu unterhalten. Das Lesen soll Spaß machen. Einer seiner oft zitierten Helden ist Karl Popper, der genau das von seinen Wissenschaftskollegen forderte. Und so haut Taleb einen zitierfähigen Satz nach dem andern raus. Das ist wirklich ein großartiges Fueerwerk teilweise. Einige großartige Sprüche:

  • „Rational ist, was es dem Kollektiv […] ermöglicht, zu überlegen.“
  • „Wer redet, sollte auch handeln, und nur wer handelt, sollte reden.“
  • „Der Markt ist wie ein großes Kino mit kleiner Tür.“
  • „Ausschlaggebend ist nicht, was eine Person hat oder nicht hat; ausschlaggebend ist, was sie Angst hat zu verlieren.“

Er provoziert, polemisiert und sicherlich polarisiert er. Er  legt einen Rant nach dem andern hin. Gegen Journalisten, Manager, Wissenschaftler und Intellektuelle. Oh, vor allem gegen Intellektuelle, Intellektuelle mag Taleb gar nicht. Gegen seine Lieblingsfeinde, die scheinbar Steven Pinker und Thomas Piketty sind; doch auch Richard Dawkins, Sam Harris und andere kommen nicht gut weg.

Das ist in etwas so Amüsant wir Buch- oder Plattenverrisse. Also: hochamüsant. Zumindest für eine Weile. Irgendwann nervts, vor allem, wenn seine insgesamt eher schwammigen Thesen vor lauter Provokation falsch werden. Der Handwerker setzt seine Haut aufs Spiel, weil er mit seinem Namen wirbt. Ok. Aber warum gilt das nicht für Psychologen, Autoren oder Journalisten? Ah halt, ich tue Taleb unrecht, für Autoren gilt es. Hm …

Philosophie

Taleb scheint ziemlich auf altes Zeug zu stehen. Klar, früher haben die Könige ihre Haut riskiert, als sie in die Schlacht gezogen sind. Also, das ist zumindest eine nette Vorstellung. Keine Ahnung, ob das wirklich so war. Eine seiner wichtigsten Regeln ist: was es schon lange gibt, hat aus einem bestimmten Grund überlebt und scheint deswegen gut zu sein. Wenn es nicht mehr gut ist, wird es abgelöst. Je länger etwas existiert, desto geringer ist aber die Chance, dass es abgelöst wird. Taleb könnte der Held der intellektuellen Konservativen sein – wenn nicht Intellektuelle an sich Talebs Erzfeinde wären.

Und so muss man sich halt durchbeißen. Man wird gestreichelt, beleidigt. Man darf lachen, sich entrüsten. Darf Gedankengänge genießen, sich intellektuell fordern lassen. Kriegt Literaturtipps, die nicht in jedem zweiten Buch empfohlen werden und – ich zumindest – lernt jede Menge. Also: ein tolles Buch.

Nassim Nicholas Taleb // Skin in the Game
1. Auflage 2018 // Rezensionsexemplar
Penguin Verlag
344 Seiten

 

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