Max Frisch // Biedermann und die Brandstifter

Max Frisch // Biedermann und die Brandstifter
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Biedermann und die Brandstifter: Ein großartiges Theaterstück, mit Wortwitz und Situationskomik, die einem im Halse stecken bleibt. Das Unheil nimmt so unausweichlich seinen Lauf, dass es schmerzt.

  • darum lesen: aktuell, kurzweilig, gut
  • darum nicht lesen: schwer zugängliche Chorpassagen, Theatertext nicht jedermanns Sache

Biedermann und die Brandstifter fiel mir in die Hände, als ich einen Büchertauschschrank besuchte. Beim Lesen merkte ich dann, dass ich das Buch schon kannte. Jahre her zwar, wahrscheinlich Teil meines Theaterwissenschaftstudiums. Hatte mir damals schon gefallen. Das ist einfach so bitterböse witzig. So gnadenlos ernst und gleichzeitig komisch. Meisterhaft, wie sich Herr Biedermann seinem Schicksal hingibt, die Katastrophe täglich vor Augen hat, sie jedoch einfach nicht glauben will.

Der Untertitel lautet Ein Lehrstück ohne Lehre. Und damit erübrigt sich dann jede Interpretation, Max Frisch selbst widersprach passenderweise auch insbesondere jenen Vermutungen, der Biedermann solle den Aufstieg des Kommunismus erklären. Vermutlich erklärt er auch nicht den Aufstieg des Nationalsozialismus. Sehenden Auges in die Katastrophe. Beherrschende Naivität. Es kann, kann, kann ja nicht so schlimm sein. Gleichzeitig geht es um die Wahrheit, die die manchmal die beste Tarnung ist, einfach, weil niemand sie wahr haben will. Weil niemand damit rechnet, dass jemand eine solche Wahrheit wirklich ganz dreist aussprechen würde.

Und dennoch zeigt das Stück, wie das Totalitäre schleichend Macht gewinnen kann.

Zwei aktuelle Interpretationen

Komisch, dass das Buch derzeit keine Renaissance erlebt. Es ließe sich so einfach auf die AfD übertragen. Die in diversen Dachböden (Parlamenten) sitzen, allerhand Dreistigkeiten herausposaunen und jeder denkt: naja, die Wortwahl ist zwar mies, aber sie meinen ja was andres. Die sich dann wieder einschleimen, scheinbar Gutes verfolgen. Sich auf Demokratie und Meinungsfreiheit berufen und sich als Opfer darstellen.

Oder aber: Die Brandstifter sind Migranten, Herr Biedermann ein lautstarker Kritiker der merkelschen Willkommenspolitik, ein gern gesehener Gast am Stammtisch. Der aber immer wieder behauptet, kein Rassist zu sein, ein guter Mensch zu sein. Eben ein besorgter Bürger. Und die erstbeste Situation nutzt er, um genau dies zu beweisen, lässt sich um den Finger wickeln und einschleimen, nimmt Migranten bei sich auf, die dann prompt in seinem Haus einen Terroranschlag proben. Oder so ähnlich.

Der Sorglose, der Gutmütige, der Gutgläubige ist der Dumme.

Sicherlich würde sich Frisch auch einer solchen Interpretation erwehren. Aber sie liegt so nahe. Viel mehr als das mit dem Kommunismus oder Nationalsozialismus. Und die Möglichkeit dieser Interpretation zeigt mir, dass ich die Aussage des Stücks gar nicht so gut finde. Die Überzeichnung der Charaktere ist auf der Bühne wirkungsvoll. Aber sie geht zu weit. Ich finde es richtig, grundsätzlich an das Gute im Menschen zu glauben. Wo kämen wir hin, wenn wir jeden gleich der Brandstifterei verdächtigten, fragt Herr Biedermann. Wo kämen wir hin? In eine Gesellschaft ohne Vertrauen, die natürlich unlebbar wäre. Für das Vertrauen in den Nachbarn sorgt dann letztendlich der Staat, der diesen genauso überwacht wie einen selbst. Der weitgreifende polizeiliche Befugnisse gewährt. Abhördienste, Videoüberwachung, Datenspeicherung, durchsuchung elektronischer Kommunikation, Uploadfilter.

Im Stück wäre genau das am Ende richtig gewesen. Oder zumindest besser. Aber diese Dichothomie, die gibt es gar nicht. Ich muss mich nicht dafür entscheiden, jeden Obdachlosen der Brandstifterei zu verdächtigen. Gleichzeitig muss ich aber auch nicht jeden, der in meinem Haus unterkommt, dabi zusehen, Benzin auf den Dachboden zu schleppen.

Max Frisch // Biedermann und die Brandstifter
Erste Auflage 1963
Suhrkamp
84 Seiten

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