Jonas Engelmann // Damaged Goods

Buchcover Damaged Books

Ein Buch mit 150 Texten über Platten, die teilweise über 50 Jahre alt sind. Warum sollte man sowas lesen wollen? Weil Damaged Goods eine großartige Art und Weise der Geschichtsschreibung ist.

  • darum lesen: sehr persönliche Geschihte des Punk aus über 100 Perspektiven. Plattenschätze zu entdecken
  • darum nicht lesen: schlecht lektoriert, teilweise sehr anstrengend

Punk ist tot.Das war der Kommentar eines Kollegen, als er dieses Buch sah.

Kommt ganz drauf an.

Der Untertitel des Buches Damaged Goods heißt zwar „150 Einträge in die Punk-Geschichte“ und nimmt dadurch Bezug auf ein Genre. Doch für die Autoren ist Punk in erster Linie eine Haltung. Es geht um Provokation, darum, Dinge selbst zu tun, sein eigener Herr zu sein, es geht darum, Musik machen zu können, weil man Bock drauf hat und nicht, weil man ein Instrument spielen kann. Und in dieser Hinsicht ist Punk nicht tot. Er klingt nur komplett anders, als er es mal tat.

Und genau das ist auch der Grund, warum man neben den üblichen Verdächtigen wie The Clash, The Ramones, den Sex Pistols usw. auch Bands wie Nirvana, Blondie oder Joy Division in diesem Buch findet, sowie Musiker, die eher aus der Elektro- oder gar Country-Ecke kommen. Was all diese 150 Platten eint sind also nicht drei Akkorde auf der E-Gitarre und mehr oder weniger Melodiefreies Geschrei sondern die Tatsache, dass sie den jeweiligen Autoren viel bedeuten und diese sich in wichtigen Phasen ihres Lebens dem Punk in irgendeiner Weise zugehörig fühlten. Und genau das ist es auch, was dieses Buch so faszinierend macht: Die extrem persönliche und vielseitige, insofern absolut demokratische Art der Kanonisierung oder Geschichtsschreibung.

Leider wurde das nicht ganz durchgezogen. Hätte gerne etwas mehr über die Autoren erfahren. Hätte außerdem weniger Autoren aufgenommen sondern jeden der Schreiber zwei oder drei Platten esprechen lassen. Es sind zwar weitgehend unbekannte Normales, die diese Texte schreiben: Autoren, Journalisten, Musiker, Kulturschaffende, … Aber es ist nunmal ein extrem subjektiver Blickwinkel und der gewinnt in erster Linie durch die Person, deren Blickwinkel ich einnehme an Relevanz.

Ein Nachteil dieser Art der Kanonisierung und Geschichtsschreibung ist, dass sie die Tür öffnet für Behauptungen. Manch ein Autor hatte wohl den Drang, seine Plattenbesprechung zu rechtfertigen und erzählt davon, wie furchtbar einflussreich diese Platte gewesen sei. Da hätte ich gerade bei äußerst unbekannten Bands schon gerne gewusst, inwiefern und wen diese Band denn alles beeinflusst hat. So klingts mehr nach eine Beteuerung.

Ich bin mir übrigens nicht sicher, als was sich dieses Buch selbst sieht. Und möglicherweise weiß das Jonas Engelmann, der Herausgeber ebenfalls nicht. Ist es Geschichtsschreibung? Ist es Punk? Ist es ein Kunstprodukt? Für Punk ist es zu konservativ. Für Kunst zu journalistisch. Am ehesten ist es ein Beitrag zur Musikgeschichtsschreibung. Und in diesem Sinne hätte es ein deutlich besseres Lektorat verdient gehabt.  Jede Menge Tippfehler, fehlende Struktur innerhalb der Texte, zwei willkürlich eingestreute Comics.

und klar es ist furchtbar dolle punk auf großbuchstaben und satzzeichen zu verzichten aber wenn man möchte dass jemand einen text liest ist es schon sinnvoll sich etwas anzupassen hat punk ja auch getan und bspw im viervierteltakt gespielt und einzelne songs voneinander getrennt aufgenommen

Der beste Beitrag ist für mich die Besprechung von Inner Mind Mystique von Masonna. Die krasseste Neuentdeckung Kukl, Björks früheres verstörendes Punk-Projekt.

Jonas Engelmann // Damaged Goods
1. Auflage 2016
Ventil
381 Seiten

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