Johanna Adorján // Eine exklusive Liebe

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Ein altes Ehepaar geht gemeinsam in den Freitod. Das Ende einer exklusiven Liebe. Jahre später porträtiert ihre Enkelin diese beiden außergewöhnlichen Menschen und macht sich auf die Suche nach der eigenen Identität.

  • darum lesen: sanftes, liebevolles und wohlwollendes Porträt in schönen Worten, kein Kitsch.
  • darum nicht lesen: trotz bemühter Neutralität Romantisierung von Selbstmord. Wenig Handlung.

Einerseits ist dieses Buch nicht viel mehr als ein gut geschriebener Aufsatz über die Großeltern der Autoren.

Andererseits ist es halt ein sehr gut geschriebener Text über ein interessantes Paar – ist doch wurscht, wessen Großeltern sie sind.

Und schlecht ist die Story ja nicht. Ein jüdisches Paar in Budpest, zweiter Weltkrieg, Konzentrationslager, Flucht, Neuanfang in Dänemark – und am Ende des Lebens der gemeinsame Freitod. Könnte man spannender und mit mehr Action erzählen. Aber es ist ja nicht irgendeine Geschichte, nicht irgenwer, sondern es sind die Großeltern der Autorin Johanna Adorján, die sich Jahre nach dem Tod ihrer Großeltern auf Spurensuche in ganz Europa macht. Herauszufinden, wer die beiden wirklich waren, ist gar nicht so einfach, denn die elegante Fassade hielt ein Leben lang stand. Hinter ihr spielte sich ein Leben ab, das ganz auf den jeweiligen Partner ausgerichtet war. Privates drang selten nach außen.

Und so gräbt Frau Adorján Stück für Stück Geschichtsbrocken aus. Pinselt sie vorsichtig ab wie eine Archäologin. Sie erzählt nicht nur die Geschichte ihrer Großeltern – wo es außer ein paar fakten tatsächlich nicht soo viel zu erzählen gibt – sondern auch von ihrer Reise in diese Geschichte und was die verschiedenen Erkenntnisse mit ihr anstellen.

Die Suche nach der Identität

Für mich ist dieses Buch sehr wertvoll. Zu wissen, wo man herkommt, ist wichtiger Teil einer Identität. Vielleicht sollte ich mich doch auch nocheinmal intensiver auf die Suche nach der Geschichte meiner Großeltern machen? Auch bei mir liegt hier einiges im Verborgenen. Der Krieg hat seine Lücken gerissen. Vermutlich ist der Zug aber abgefahren. Eine exklusive Liebe erschien vor zehn Jahren und schon damals war es schwer, noch Informationen zu finden. Wird mit der Zeit nicht einfacher.

Nun, diese Frau, Vera Adorján war äußerlich intelligent, witzig, arrogant. Sie war elegant, hatte ihre Meinung. Sie lebte für ihren Mann und war trotzdem eigenständig, liebte Kultur … Aber vieles davon war wohlgepflegte Fassade und dahinter war sie unsicher, fühlte sicht nicht geliebt und einsam. Eine großartige Szene, in der die Autorin genau diese Details herausfindet, sich darin wiederfindet und jubiliert über die plötzliche Verbundenheit mit der eigenen Großmutter, über den Tod hinaus.

Was hätte Vera dazu gesagt?

Eine exklusive Liebe ist kein perfektes Buch. Das Gleichgewicht zwischen Bericht über die Nachforschungen, Fakten und ausgedachte Szenen sowie die Innenschau der Autorin kommt oft ins Wanken. Es ist kurz, etwas zu kurz. Es passiert kaum etwas. Aber es ist poetisch, regt zum Diskutieren und Nachdenken an, spielt sich aber nicht zum moralischen Kompass auf. Es ist eine liebevolles Porträt zweier besonderer Menschen.

Oder: Das Porträt unmöglicher Menschen. Von einer Autorin geschrieben, die die beiden sympathisch findet.

Aber was hätten Pista und Vera wohl dazu gesagt? Immerhin missachtet das Buch ein wichtiges Lebensprinzip der beiden und kehrt höchstprivate Dinge aus dem wohlbehüteten Heim auf die Straße. Etwas, was die beiden ihr Leben lang tunlichst vermieden haben.

Johanna Adorján // Eine exklusive Liebe
1. Auflage Taschenbuch-Sonderausgabe, 2012 // 2009
btb Verlag // Luchterhand
214 Seiten

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