Eckart Tolle // Jetzt!

Es fällt mir nicht leicht, über dieses Buch zu schreiben. Denn es ist so viel. Geschwafel. Bullshit. Gefährlich. Lüge. Aber zwischen alledem stecken auch ein paar vernünftige Ansätze.

  • Take-Away: Leben im Jetzt ist Bullshit. Oder kein Leben im Jetzt.
  • Ein Buch für: Niemanden. Oder Esoteriker. Aber bitte für niemanden.

Die Kernaussage des Buches, nämlich im Jetzt zu leben anstatt sich von der Vergangenheit bestimmen oder der Zukunft ablenken zu lassen ist natürlich gar nicht so schlecht. Aber Tolle verpackt das in so viel Schmarrn. Seine etwas mehr als 250 Seiten bestehen in erster Linie aus hohlem Geschwafel. Er verwendet komplizierte Sätze und Fremdwörter. So machen es auch Wissenschaftler, um ja nicht verstanden zu werden. So machen es die Blender. Bei Tolle kommen noch Paradoxa und Widersprüche hinzu sowie radikale Aussagen, die er viel später in anderem Kontext wieder aufweicht.

Seine persönliche Erfahrung der Erleuchtung will ich ihm nicht absprechen, hat aber augenscheinlich nichts mit dem zu tun, was er da beschreibt. Denn nichts in seinem Buch wendete er selbst an, um diese Erfahrung machen zu können. Seine Erkenntnis ist im Kern sicherlich wahrhaftig, er bläht sie dann aber auf, um aus seinem spirituellen Talent, das er zweifelsohne hat, Profit zu schlagen. Und sorry, wollte er das nicht, wozu bräuchte es ein Jetzt!-Notizbuch mit Tolle-PopArt-Konterfei, mit dem man angeblich „immer im Jetzt“ sei. Selten so plumpen Blödsinn gelesen. Nun kann man sicherlich niemandem vorwerfen, von dem zu profitieren, was man hat oder kann.

Das beste Argument gegen den blödsinnigen Vorschlag, ständig im Jetzt zu leben, ist das Leben von Menschen ohne Kurzzeitgedächtnis, die also dazu gezwungen sind, immer im Jetzt zu leben. Ute Jäger schildert in Ihrem Buch den Segen, den es für Ihren Mann war, als er wieder außerhalb des Jetzt anknüpfungspunkte gewann, weil sein Gedächtnis wieder zu funktionieren begann.

Der Inhalt stammt allerdings zum Großteil gar nicht aus Tolles Hirnwindungen. Er zitiert in erster Linie aus Ein Kurs in Wundern. Und aus den heiligen Büchern anderer Religionen. Diese scheint er allerdings nicht selbst gelesen zu haben, sondern die Zitate wiederum selbst aus Ein Kurs in Wundern entnommen zu haben. Deswegen gibt er auch keine Quellen an, zitiert falsch oder schreibt Aussagen beispielsweise Paulus zu, obwohl diese nirgends in seinen Briefen und Schriften zu finden sind. Und dann behauptet er ernsthaft, Aussagen über diese Religionen und Schriften machen zu können – soweit, dass er meint, die wahre Bedeutung eines Gleichnisses zu kennen, das allgemein und seit Jahrtausenden missverstanden sei? Finde ich zumindest fragwürdig.

Ärgerlich finde ich, dass Tolle zentrale Aussagen aus der Bibel klaut. Etwa Vergebung oder das Konzept, sich keine Sorgen zu machen. Er nimmt sie und verdreht sie. Dabei zitiert er sogar die Bibel, verdreht aber auch die Zitate und missbraucht die Bibel, um seine eigenen Aussagen zu unterstützen. Während die Bibel beispielsweise sagt, aus der Trennung von Gott resultiere Sehnsucht nach ihm, nach Ewigkeit, nach Leben. Sagt Tolle, diese Trennung sei Illusion. Einerseits argumentiert er viel mit Gott, andererseits ist „Gott“ nur eine Worthülse für ihn, die nichts anderes bedeutet als „Sein“. Er stellt richtigerweise fest, dass das Wort „Gott“ in vielen Köpfen falsche Bilder hervorruft, zum Beispiel das einer männlichen Person. Findet es aber vernünftig, stattdessen Göttin zu sagen – und fällt damit auf der anderen Seite des Pferdes runter. Mann UND Frau sind Ebenbilder Gottes. Jesus ist für ihn halt irgendein Lehrer. Dass bei so viel Rosinenpickerei die Bibel und damit auch die von ihm zitierten Aussagen jegliche Bedeutung verlieren, scheint er nicht zu bemerken.

Ein paar Nonsenshighlights:

  • Erleuchtung ist dein natürlicher Zustand von empfundener Einheit mit dem Sein.
  • Wenn du Schwierigkeiten hast, deine Emotionen zu fühlen …
  • Energetisch aufgeladene Gedankenmuster
  • Wie können wir Negativität loslassen? Lass sie los.
  • Solange der unbeobachtete Verstand dein Leben regiert, erschaffst du den Schmerz selbst.
  • Was wirklich geschieht, wenn du dir des Seins bewusst wirst, ist: das Bewusstsein wird sich seiner selbst bewusst. Wenn Bewusstsein sich seiner selbst bewusst wird – das ist Gegenwärtigkeit.

Eckart Tolle // Jetzt! Die Kraft der Gegenwart
9. Auflage der Sonderausgabe von 2016 // 1997
J. Kamphausen Mediengruppe // Namaste Publishing
268 Seiten

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