Jesus, die Raubkopie? Warum das Argument der zusammengeklauten Religion nicht überzeugen kann

Ein beliebtes Argument von Kritikern des Christentums ist, die Inhalte dieser Religion seien nur geklaut und deswegen könne sie nicht wahr oder ernstzunehmen sein. Doch dieses Argument ist nicht nur inhaltlich falsch, es hat auch Schwächen in der Logik und in seinem Aufbau.

 

Es gab da mal so eine Geschichte von einem Typen, die ist der Geschichte von Jesus ähnlich, deswegen ist Jesus Fake. Es gibt da ein paar religiöse Elemente im Neuen Testament, die gibt es auch in anderen Religionen, deswegen ist das Neue Testament Fake. Die Gesetze der antiken Juden gibt’s so ähnlich auch bei anderen Völkern, deswegen sind die biblischen Gesetze Fake.

So oder so ähnlich klingen beliebte atheistische Argumente. Es handelt sich dabei um Synkretismus-Argumente. Synkretismus bedeutet, dass ein Element einer Kultur aus einer anderen Kultur übernommen wurde. Dieses Element ist damit nicht authentisch oder originär. Einer Religion, die die ultimative Wahrheit für sich beansprucht, bräche es das Genick, wenn sie Elemente von beispielsweise anderen Religionen übernäme. So zumindest der Gedanke der Atheisten.

Apologeten gehen üblicherweise gegen diese Argumente vor, indem sie zeigen, dass entweder die biblische Quelle ein Original ist und keine Kopie. Oder sie zeigen, dass die Ähnlichkeiten weitaus geringer sind, als es Atheisten darstellen und somit hinnehmbar sind. Oder aber, dass Ähnlichkeiten zwar vorhanden aber unproblematisch sind.

Das Synkretismus Argument ist Bullshit

Ich hingegen wähle einen anderen Weg und möchte zeigen, dass das Synkretismus-Argument generell nicht haltbar ist, denn:

  • Religion muss nicht originär sein
  • Selbst ein echter Jesus muss nicht originär sein
  • Es fällt uns aus der zeitlichen und kulturellen Distanz schwer, festzustellen, wem welche Elemente originär zuzuordnen sind
  • Synkretismus folgt gewissen Regeln, die auf viele der fraglichen Elemente des Christentums aber nicht zutreffen

Religion muss nicht originär sein

Entweder Religion ist ein beliebiges Kulturprodukt, also etwas, was der Mensch hervorgebracht hat. Dann funktioniert sie auch wie alle anderen Kulturprodukte und ist damit per Definition synkretisch. Denn alles, was Menschen hervorbringen, beruht auf ihren Erfahrungen, ihrer Biographie. So etwas wie eine einzige „Ur-Kultur“ kann es nicht geben. Religion ist nichts individuelles sondern entsteht in Gemeinschaft, beruht insofern auf den Erfahrungen verschiedener Menschen und muss deswegen synkretisch sein. Selbst ein echter Jesus löscht ja nicht einfach so sämtliche Erfahrungen und sämtliche bereits existierende Kultur aus.

Oder eine Religion ist gerade kein Kulturprodukt, sondern Wahrheit, die unabhängig von Menschen existiert. Diese Wahrheit muss die jeweilige Wahrheit stiftende Einheit aber nicht über einen einzelnen Agenten kommunizieren, sondern kann durchaus mehrere Agenten an verschiedenen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten dafür auswählen. Also nehmen wir mal an, es gäbe einen Gott. Dann kann sich der entweder zu einem einzigen Zeitpunkt einem einzigen Menschen oder einem einzigen Volk exklusiv offenbaren. Oder halt vielen Menschen, zu vielen Zeitpunkten, an vielen Orten.

Die Wahrheit wäre dann zwar originär. Die Offenbarung derselben aber nicht unbedingt.

Ein Beispiel: Der rosa Plüschhase

Foto: Pezibear / pixabay.com

Nehmen wir an, es gäbe eine Religion, deren Anhänger den rosa Plüschhasen anbeten. Das ganze beruht angeblich auf göttlicher Offenbarung. Gibt es nun aber beliebte Geschichten von rosa Plüschhasen, die schon deutlich länger existieren, als die Religion, läge der Verdacht des Synkretismus nahe. Tatsächlich könnte es sich dabei ja aber um die gleiche göttliche Offenbarung handeln, die unterschiedliche Menschen zu unterschiedlichen Zeitpunkten erfahren haben, aber unterschiedlich damit umgegangen sind.

Nun, das Synkretismus-Argument ist ohnehin nur dann stimmig, wenn Originalität ein akzeptiertes Kriterium wäre. Mit anderen Worten: Wer das Christentum ablehnt, weil es nicht das Original ist, muss zwangsläufig die festgestellte Originalreligion für wahr halten. Ansonsten gibt er zu, dass sein Argument irrelevant ist: Er selbst benutzt das Kriterium offenbar nicht zur Wahrheitsfindung.

Ein wahrhaftiger Jesus muss nicht originär sein

Auch Jesus muss nicht originär sein.

Der lächerlichste Kritikpunkt ist ja, Jesus sei nur eine Kopie antiker jüdischer Messiasvorstellungen. Natürlich. Das ist ja der Kern der Geschichte.

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Allerdings gibt es nicht nur in der jüdischen Geschichte sondern auch in der römischen, der griechischen und der persischen Kultur Jesus-Parallelen. Und die sind natürlich schon interessant. Wer da jetzt wen beeinflusst hat, wird allerdings heiß debattiert. Möglicherweise ist Jesus tatsächlich eine harmlose Kopie.

Aber genau, wie der Erretter der gesamten Menschheit den Juden angekündigt wurde, könnte er doch auch anderen Kulturen angekündigt worden sein? Also den Römern und Griechen? Möglich. Dann müsste man allerdings auch Parallelen in weiter entfernten Kulturen finden.

Tatsächlich gibt es diese. Etwa in der nordischen Mythologie oder in chinesischen Schriftzeichen. Bei Kulturen also, die keine Berührungspunkte mit dem antiken Judentum oder dem frühen Christentum hatten. Solche Parallelen in anderen Kulturen (nicht nur Religionen) aufzutreiben, wäre eine spannende Arbeit. Interessant sind vor diesem Hintergrund auch die Berichte von Missionaren, die die unterschiedlichsten Anknüpfungspunkte zwischen fremden Kulturen und der Bibel entdeckten.

Originalität lässt sich gar nicht klar feststellen

Selbst wenn das oben genannte nicht gelten würde, könnten wir lediglich einen Verdacht äußern, wer oder was the real thing ist. Originalität lässt sich schwer nachweisen, wie es Ina Zukrigel und Joana Breidenbach in ihrem Buch Tanz der Kulturen zeigen.

Ein Beispiel: Mami Wata
Die Wassergottheit Mami Wata wird in 14 Ländern und von 41 ethnischen Gruppen in Afrika verehrt, zum Teil selbst in der Karibik. Welche Anbetungsform ist die richtige? Unklar. Interessant ist vor allem, dass Mami Wata z.B. in Togo so dargestellt wird, als sei sie eine Meerjungfrau westlicher Abstammung, mit heller Haut und teilweise sogar blonden Haaren und mit westlichem Krimskrams behangen. Viele heutige Darstellungen der Mami Wata gehen auf einen Druck aus – Deutschland(!) zurück, der für eine Völkerschau in Hagenbecks Tierpark angefertigt wurde und Sinnbild für Afrika war (siehe Bild). Als der Druck nach Afrika kam, hielten ihn die Menschen dort wiederum für eine originalgetreue Abbildung einer westlichen Wassergöttin. Mit der Zeit vermischte sich das Bild wohl mit den Darstellungen von Meerjungfrauen als Gallionsfigur. Weiße Touristen, die heute stundenlang am Strand liegen, scheinen auf ihre Weise dem Mami Wata Kult zu fröhnen.

Quelle:

Im Gilgamesch Epos wird eine Sintflutgeschichte erzählt. Ist die Geschichte der Arche Noah also nur eine Kopie? Das schließt keineswegs automatisch und die Originalität lässt sich auch in diesem Fall nicht feststellen. Der Gilgamesch Epos wird früher datiert als die biblische Geschichte. Aber das hat keine Aussagekraft in einer oralen Kultur. Wir wissen nicht, wann die Menschen angefangen haben, sich diese Geschichte zu erzählen.

Irish Pubs und die Regeln des Synkretismus

Synkretismus ist etwas banales, alltägliches und andauerndes. Wenn mir der Kapuzenpulli meines Kollegen gefällt und ich mir auch so einen kaufe, ist das eine einfache Form von Synkretismus. Ich interpretiere Informationen, erkläre diese als wertvoll und bette sie in meinen Alltag ein.

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Bei mehreren Individuen in einer Gemeinschaft läuft das natürlich etwas komplexer ab. Damit eine heimische Gesellschaft Elemente einer fremden Gesellschaft übernimmt, muss die Mehrheit der heimischen Gesellschaft die fremden Elemente akzeptieren. Irish Pubs sind ein solches synkretisches Element. Irish Pubs sind etabliert und werden von vielen Deutschen angenommen. Wäre das nicht der Fall, gäbe es auch so gut wie keine. Das interessante dabei ist, das Irish Pubs in Deutschland sich in vielerlei Hinsicht von Pubs in Irland unterscheiden – allein aufgrund der verschiedenen Guinness-Sorten (Deutschland // Irland).

Kultur ist also im Grunde ein gigantisches Flüsterspiel. Die Iren flüstern den Deutschen was von ihren tollen Pubs ins Ohr, die Deutschen wollen auch so tolle Pubs, haben aber was andres verstanden, als die Iren meinten. Kommunikation ist eben Glückssache. Die Botschaft, die ein menschlicher Sender sendet ist niemals die gleiche, die beim menschlichen Empfänger ankommt. Sie wird immer auf Basis der bisherigen Erlebnisse und bestehenden Kommunikationsmuster empfangen.

Ein Beispiel: Kulturimperialismus

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Aus diesem Grund gibt es übrigens auch keinen Kulturimperialismus. Kultur lässt sich nicht aufzwingen. Selbst die christlichen Missionare mit der Keule haben das nicht geschafft. Zwar ist Lateinamerika heute christlich geprägt – aber welche christlichen Elemente tatsächlich übernommen wurden und welche heidnischen Traditionen darin erhalten blieben, das entschied die Gesellschaft vor Ort.

Auch, dass Deutsche gerne Hollywoodschinken gucken, ist kein Kulturimperialismus sondern freie Wahl. Würden die Deutschen keine Hollywood Filme gucken wollen, würden sie halt viel mehr Geld für französische Filme oder was weiß ich ausgeben. Hollywood könnte imperialisieren, so viel es will. Keine Chance.

Was hat das jetzt mit Jesus zu tun?

Kritiker behaupten, Jesus wäre nur ein Abbild beispielsweise des Apollonius von Tyana: Gewisse Menschen im vierten Jahrhundert fanden Apollonius dufte und hätten sich deswegen schnurstracks einen Religionsgründer nach seinem Vorbild ausgedacht.

So funktioniert Synkretismus aber nicht.

Bild von: John Atherton / Flickr, CC 2.0 Lizenz

Hätten einige Menschen den Apollonius wirklich so gut gefunden, hätten sie ihn entweder gleich angebetet – oder halt an ihren Geschmack angepasst. So, wie manche Nigerianer „ihr“ Guinness trinken (und sich (zu Recht) wundern, dass ihr Lieblingsbier auch in Irland getrunken wird). Und nicht etwa ein eigenes dunkles extra Stout erfunden haben, um den Einfluss der Iren zu überschreiben.

Es gibt keinen Grund, die Übernahme von kulturellen Elementen zu verheimlichen. Außer vielleicht, wenn in der derzeitigen politischen Situation in Deutschland, Deutsche, die sich unter Neonazis aufhalten, verheimlichen würden, den Koran zu lesen. Die Menschen praktizieren die Kultur, die sie gut finden. Und das gleiche gilt für Religion.

Apollonius oder auch Sol Invictus sind deswegen höchstwahrscheinlich keine Vorbilder für Jesus. Hätte es eine Gruppe Menschen gegeben, die SI gut finden, hätten sie sich dem bestehenden Kult angeschlossen oder einen neuen gegründet und dann behauptet: So, wie ihr SI versteht, ist das vollkommen falsch. Wir haben die Offenbarung. Wer Si aber nicht gut findet, übernimmt auch keine Elemente.

Stattdessen finden sich im Christentum aber jede Menge Elemente aus dem Judentum. Ganz ungeniert und offen. Es ist aus dem Judentum hervorgegangen und zeigt seine Wurzeln. Die Frage der Originalität ist hier ganz eindeutig zu beantworten.

Woher kommen dann die Ähnlichkeiten?

Keine Ahnung. Es gibt mehrere Möglichkeiten:

  • Zufall
  • Nicht Jesus ist die Erfindung, sondern Apollonius. Um eine aufstrebende Sekte unterzubuttern
  • Nicht Jesus sollte SI ablösen, sondern SI Jesus – um gegen die aufstrebenden Christen vorzugehen.
  • Gott hat seine Botschaft in die ganze Welt geschickt. Deswegen gibt es auch überall Parallelen.
  • Der Teufel hat ein paar Lügen gestreut.

Keine Ahnung. Such dir was aus. Isja auch wurscht. Mir ging es darum zu zeigen, dass diese Ähnlichkeiten nicht darauf hinweisen, Jesus sei lediglich ein Mythos.

Das Ende der Geschichte

Der Vorwurf, das Christentum sei eine Fake-Religion, zusammengewürfelt aus Versatzstücken bestehender Religionen, lässt sich allein aus logischen Gründen nur schwer halten. Die ersten Christen hätten schon ein Haufen Genies sein müssen. Die äußerst geschickt die Fäden bestehender Religionen zusammenweben, sich Evangelien ausdenken, Bücher fälschen, historische Werke verschwinden lassen. Die großartige Schriftsteller sind. Bedeutende Philosophen. Ihrer Zeit voraus und gleichzeitig der Tradition verhaftet. Und wozu das alles? Um am Kreuz zu sterben? Um den Löwen zum Fraß vorgeworfen zu werden? Na das lohnt sich ja.

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