Friederike Otto // Wütendes Wetter

Wütendes Wetter Cover

Das Wetter ist wütend: Hitzeperioden, Dürre, Jahrhundertstürme, Überschwemmungen. Es scheint fast, als wehre sich die Natur gegen den Menschen. Friederike Otto stellt in ihrem Buch ihre Forschungsarbeit vor: Wer ist Schuld an all den Klimakatastrophen?

  • darum lesen: eines der wichtigsten Themen unserer Zeit, ein Funken Hoffnung, spannend geschrieben
  • darum nicht lesen: dreht sich teilweise zu sehr um Frau Otto und ihr Team

Der Klimawandel mit seinen Katastrophen ist die eine Sache. Schlimm genug, wenn Menschen sterben und Lebensraum zerstört wird. Die finanziellen Folgen sind die andere Sache, denn die treffen in erster Linie jene, die den Klimawandel weder verursacht haben, noch von dem Verhalten, das zu ihm geführt hat, profitieren. Die Reichen (also der Westen) und Mächtigen der Welt stehlen sich aus der Verantwortung. Doch ein kleines Team Forscher zieht aus, um für Gerechtigkeit zu sorgen: Friederike Otto und ihre Mitstreiterinnen. Sie erstellen sogenannte Attributionsstudien, anhand derer sie feststellen können, ob eine Katastrophe durch den Klimawandel verursacht wurde oder ob es sich um ein normales Ereignis handelt. Und im Falle einer Klimawandelkatastrophe können sie feststellen, wer in welchem Umfang daran beteiligt ist.

Mit der Hilfe solcher Studien könnten zukünftig Staaten oder Konzerne dazu verklagt werden, sich an den finanziellen Schäden einer Naturkatastrophe zu beteiligen.

Wow.

Der Klimawandel erhöht die Wahrscheinlichkeit von Hitzewellen im Mittelmeerraum um mindestens das Zehnfache.

Aber wie soll das gehen? Genau das beschreibt das Buch Wütendes Wetter sehr genau. Frau Otto berichtet einerseits chronologisch über die Forschungsarbeiten, die ihr Team rund um den Hurrican Harvey geleistet hat. Andererseits erklärt sie die Methodik der Studien. Das hört sich etwas langweilig an, ist tatsächlich aber sehr spannend. Dazu trägt auch der Umweltjournalist Benjamin von Brackel bei, der das Buch als Co-Autor begleitete. Wütendes Wetter ist kein Forschungsbericht. Es ist für die breite Masse geschrieben. Es soll wach rütteln und Hoffnung machen. Denn es gibt tatsächlich etwas, was getan werden kann, um Politik und Wirtschaft dazu zu bringen, endlich aktiv zu werden.

Wirklich großartig finde ich, dass Frau Otto bei alledem neutral bleibt: nicht jedes Ereignis ist auf den Klimawandel zurückzuführen und nicht jede Auswirkung des Klimawandels ist negativ. Tatsächlich gibt es auch Fälle, in denen Naturkatastrophen durch den Klimawandel abgeschwächt wurden.

Der Klimawandel verstärkt also beides: die vertikale Scherung und die Ozeantemperatur. Und damit die Hauptursachen, die Hurrikans sowohl entstehen als auch zusammensacken lassen.

Die Forschungsmethode in viel zu kurz
Möglicherweise hatte Frau Otto Bauchschmerzen, als sie ihre Forschungsarbeit so erklären musste, dass ein möglichst breites Publikum sie nachvollziehen kann. Etwas zu vereinfachen heißt immer, es weniger präzise auszudrücken. Hier trotzdem in noch kürzer:

  1. Historische Wetterdaten sammeln und daraus Regeln ableiten.
  2. Programme mit physikalischen Gesetzen und den ermittelten Wetterregeln füttern.
  3. Das Wetter auf Basis dieser Daten simulieren.
  4. Die Ergebnisse möglichst vieler solcher Simulationen mit aktuellen Daten vergleichen.
  5. Die Differenz zeigt die Auswirkung des Klimawandels an.

Wers genauer wissen will, darf das Buch gerne selbst lesen.

Die veränderte globale Mitteltemperatur bringt niemanden um. Jedenfalls nicht direkt. Wohl aber durch ihren Einfluss auf das Wetter.

Schwachstellen

Wütendes Wetter ist ein großartiges Buch. Hat aber auch kleinere Schwachstellen. So dreht es sich zu oft um sich selbst, um die Autorin und ihr Forschungsteam. Deswegen wirkt das Buch stellenweise wie ein schlechtes Schülerreferat, das zu viel Zeit darauf verschwendet, darüber zu berichten, wie die Inhalte gesammelt wurden. Die Taktik hat bei solchen Referaten natürlich einen Grund: es gibt nicht genug echte Inhalte. Und genau das gleiche könnte beim Wütenden Wetter der Fall sein. Das Werk hat einen Umfang von 240 Seiten, fast in Fünftel geht für Anmerkungen, Danksagungen und so weiter drauf. Und dann eben all das Füllmaterial.

Das ist wirklich schade. Statt des Gelabers hätte man Beispielsweise genauer darauf eingehen können, warum der Mensch in welchem Umfang für den Klimawandel verantwortlich ist. Diese Frage lässt Frau Otto komplett außen vor und so klingt es, als sei sie der Meinung, der Mensch allein sei verantwortlich und es könne keine anderen Einflüsse geben.

Ein formale Sache sei angemerkt: Friederike Otto verwendet das Gender*Sternchen. Das Buch war mein erster längerer Text mit Genderstern und er hat mich einfach nur genervt. Stört den Lesefluss doch recht arg. Habe ich mich dran gewöhnt? Ja. Habe nach ein paar Seiten ab dem Sternchen aufgehört zu lesen, sodass im Endeffekt doch wieder die männliche Form eines Wortes, zum Teil beschnitten, übriglieb. Da wäre ich eher für ein generisches Feminin oder meinetwegen kann man auch beide Formen ausschreiben – immerhin kann man auch auf diese Weise Buchseiten füllen.

Heute können wir die Beweiskette schließen und damit die Grundlage schaffen, dass Ölriesen zur Rechenschaft gezogen und die Lasten durch den Klimawandel gerechter verteilt werden.

Und jetzt noch der letzte Satz des Buches, der mir in meinen Hirnwindungen steckenblieb:

wir wollen eben nicht nur die Frage beantworten, was das „neue Normal“ ist – sondern müssen uns jetzt schon mit der nächsten Frage auseinandersetzen: Was ist das „neue Extrem“?

Friederike Otto // Wütendes Wetter
Kindle-Ausgabe, 2019 // Rezensionsexemplar
Ullstein
240 Seiten

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