Elenor Avelle // Infiziert

Rate this post

Infiziert ist eine Mischung aus 28 Days Later und X-Men. Charlie, die 20-jährige Protagonistin schwingt sich wie ein Parcour-Pro über die Dächer des zerfallenen Berlins, hat keinen Bock auf Gesellschaft hat und schlachtet Zombiewesen ab. Klingt alles nicht schlecht.

  • darum lesen: Zombie-Action in Berlin, gegen Ende thrillermäßige Spannung
  • darum nicht lesen: weder Story noch Schreibstil sind ausgereift und nerven mit vielen kleinen Fehlern

Die Story könnte der Hammer sein. Und selbst die etwas eigenwillige Genre-Zweiteilung in der Mitte des Buches könnte funktionieren. Die Idee finde ich großartig und hätte Potenzial. Aber es ist eben nicht so einfach, aus einer guten Idee ein gutes Buch zu machen.

Der äußere Eindruck

Die äußerste Schicht des Buches ist hervorragend. Elenor Avelle schickt mir ihr Buch nicht in einer langweiligen Versandbox, sondern in einer Verpackung, passend zum Buch: In einer mit Blut beschmierten Zeitung, die von Straßenkämpfen, Protesten, Vermissten und einer rätselhaften Epidemie berichtet. Das Buch ist signiert und mit einer persönlichen Widmung versehen. Werden alle Bücher so verschickt? Daumen hoch.

Versandpackung von Infiziert.

Das Cover ist in Ordnung, nur die Schrift will nicht so recht zum vermuteten Zombie-Kracher passen. Sieht mehr nach Science-Fiction aus. Die Aufmachung orientiert sich am Vorgänger Gefesselt, einem Techno-Thriller, in dem es um den Ausbruch der Epidemie geht und zu dem das Design besser gepasst hat. Der Buchsatz sieht arg nach Facharbeit aus, insbesondere der große Zeilenabstand fällt sofort ins Auge.

Die Geschichte

Das Buch spielt etwa acht Jahre nach dem Ende des Vorgängers Gefesselt, in dem eine Pharmafirma ein Virus freisetzt. Dieses Buch habe ich nicht gelesen, ich kann also nur vermuten, dass der Soldat Gill der einzige Charakter ist, der den Weg in den zweiten Band findet, wenn auch nur als Nebenfigur. Hauptcharakter ist die etwa 20-jährige Charlie, die über die Dächer von (vermutlich) Berlin klettert, rennt, springt und schwingt. Und dabei eine Gruppe Überlebender unterstützt, auf die sie eigentlich 0 Bock hat. Sie schlachtet infizierte Menschen, die zu zombieähnlichen Monstern geworden sind. Während jeder andre sich in der Nähe der Viecher und selbst ihrer Leichen mit dem tödlichen Virus infizieren würde, scheint Charlie immun zu sein. Nach der Hälfte des Buches ist schluss mit dem Gemetzel, dann mutiert das Buch selbst, allerdings nicht zum Zombie sondern zum Thriller und der Leser erfährt einiges darüber, wie der Virus etwa 9 Jahre zuvor ausbrechen konnte.

Diesen plötzlichen Genrewechsel ohne Vorwarnung muss man als Leser erstmal verkraften, ich finds aber ziemlich gut. Und auch die restliche Story könnte funktionieren.

Tja, gute Verpackung, geiles Setting, nette Story … und dennoch wollte ich das Buch schon nach 60 Seiten wieder weglegen. Nun, letztendlich war es gut, dass ich durchgehalten habe, denn zum Ende hin fängt sich das Buch und alles wird besser.

Der Schreibstil

In erster Linie haben mich die vielen kleinen Fehler genervt:

  • Zeitfehler
  • Rechtschreibung
  • Perspektivwechsel

Gut, bei dem dritten Punkt meiner kleinen Liste handelt es sich um ein Konzept, dass so mancher Leser vielleicht auch gut findet. Aber ich persönlich möchte nicht nur für ein paar Absätze die Perspektive eines zweiten Charakters einnehmen, den ich überhaupt nicht kenne, weil mir die Autorin den Großteil dieser Person verheimlicht. Da fühle ich mich einfach verarscht. Zumal diese Perspektivwechsel reine Effekthascherei sind und nichts zur Geschichte beitragen.

Ein großer Kritikpunkt sind die unausgereiften Dialoge, die zumindest in der ersten Hälfte des Buches seltsam verlaufen und schlecht formatiert sind. So ist es oft schwer, nachzuvollziehen, wer jetzt was sagt. Nicht, dass das eine Rolle spielen würde, denn die Texte sind austauschbar und holzschnittartig. Abgesehen von den Dialogen finden sich jede Menge nicht stimmiger Formulierungen und falscher Bilder, die den Lesefluss stören – im zweiten Teil des Buches wird das besser.

Das nächste Problem ist fehlende Charakterentwicklung. Charlie jammert die ganze Zeit nur rum, dass sie lieber alleine sein will – nur um dann doch wieder bei ihrer Gruppe zu bleiben. Das könnte ja ein recht spannender interner Konflikt sein, der halt aber so gar nicht ausgearbeitet wird. Ohnehin passiert auf den ersten 200 Seiten wenig, was die Charaktere über ein Mindestmaß hinaus beschreiben würde. Leider auch nichts, was die Geschichte voranbringt. Und auch Fragen werden kaum aufgeworfen oder beantwortet. Mit anderen Worten: könnte man komplett streichen. Schade, denn das 28-Days-Later-Szenario bietet doch so viele Gelegenheiten, moralische Fragen zu beantworten. Insbesondere weil die Infizierten ja tatsächlich Menschen sind, aber halt kranke Menschen. Keiner hat ein Problem, die Monster abzuschlachten, keiner hat Gewissensbisse, keiner setzt sich naiv für die Monster ein. Alle Überlebenden erweisen sich innerhalb weniger Sätze als absolut gut oder absolut böse. Dabei müsste es in einer solchen Welt doch unendliche Nuancen geben.

Potenzial verschenkt

Über all diese Schwächen kann man drüberlesen. Insbesondere, wenn man Hinterkopf behält, dass es sich um eine Hobbyautorin handelt, die ihr Werk per selfpublishing herausgebracht hat. Und wer durchhält, wird ja mit einem wirklich spannenden Ende belohnt.

Ist jetzt auch nicht so, dass alle Bestseller fehlerfrei wären. Im Gegenteil, habe auch schon schlechtere Bücher von Profis gelesen. Infiziert würde sich auch hervorragend für eine Actionverfilmung eignen. Schade, dass Autorin und Lektorin dem Buch nicht ein paar der Schwächen ausgetrieben haben. Hinter diesem Buch steckt nämlich eine wirklich gute Idee. Wie gern würde ich etwas radikaler an den Stoff rangehen und noch mehr aus der Geschichte herausholen.

Da wünschte ich mir wirklich, Elenor Avelle hätte weniger Geld für die Verpackung und die Druckversion ausgegeben und dafür ein paar Hunderter mehr in ein besseres Lektorat gesteckt – oder sich einfach mehr Zeit gelassen.

Text basiert auf kostenlosem Rezensionsexemplar

Elenor Avelle // Infiziert
Printausgabe, 2017
BoD
475 Seiten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.