Christopher Bayly // Die Geburt der modernen Welt

Alles hängt zusammen. Irgendwie. Zumindest im 19. Jahrhundert. Christopher Bayly schreibt die Weltgeschichte des langen 19. Jahrhunderts. Es ist „ein Meisterwerk“, sagt der Historiker Niall Ferguson von der University of Oxford. „Auf einmal wirken alle anderen Generalgeschichten des 19. Jahrhunderts äußerst begrenzt.“

  • Take-Away: Weltgeschichte ist verknüpft – aber der Westen weniger einflussreich, als wir oft denken.
  • Ein Buch für: Allgemeingebildete, Geschichtsinteressierte und Menschen, die sich über die Globalisierung informieren wollen.

Eine Weltgeschichte ist immer auch eine Globalisierungsgeschichte. Aus einem Interesse an genau diesem Thema kaufte ich mir dieses Buch vor Jahren – und las es nie. Da habe ich bisher was verpasst. Die Erkenntnisse sind umwerfend und passen ganz gut zu anderen Globalisierungswerken: Globalisierung ist keine Einbahnstraße und auch per se nix negatives. Christopher Bayly will in seinem Buch in erster Linie relativieren. Nicht nur populäre Meinungen zur Globalisierung, auch beispielsweise zur industriellen Revolution und Religion.

Einige Schlüsselerkenntnisse:

  • Religion musste keineswegs einstecken – trotz aller Aufklärung, Vernunft, atheistischer Denker und Wissenschaft. Stattdessen veränderte sich einfach die Art und Weise, wie Religion ausgeübt wurde. Die Aufklärung, Vernunft und Wissenschaft fanden Einzug und Religiöse Gruppen erlebten Aufschwung.
  • Überall auf der Welt wurde die Vielfalt sozialer, ökonomischer und ideologischer Systeme beschnitten. Nicht zwangsläufig nach europäischem Vorbild, sondern die Systeme passten sich überall auf unterschiedliche Weise an.
  • Europa verlor nach dem ersten Weltkrieg massiv an Einfluss und gewann ihn nur teilweise nach dem zweiten wieder.
  • Die Industrielle Revolution hatte weniger Einfluss und sorgte gar nicht so revolutionär sondern eher langsam und stetig für Wandel.
  • Stattdessen breitete sich schnell eine Revolution des Fleißes überall auf der Welt aus. Einfach gesagt: Menschen hatten erstmals in der Geschichte umfassend die Möglichkeit, durch Fleiß ihre Lebensumstände maßgeblich zu verbessern und taten dies auch nicht nur vereinzelt sondern in Massen.
  • Die Französische Revolution war keinesfalls der große Auslöser globaler Umwälzungsprozesse – die ersten Revolutionen waren der Aufstand der Sikh gegen die indischen Mogul-Eliten und die wahabitische Revolution im Iran.
  • Der Sklavenhandel verhalf einer afrikanischen Elite zu nachhaltigem Reichtum.
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Christopher A. Bayly. Foto: Campus Verlag

Das ist aber nur ein wirklich kleiner Ausschnitt. Bayly schneidet sehr viele Themen an, darunter auch die Entwicklung von Nationen und eines Weltwirtschaftssystems, die Entwicklung weltweiter Ideale wie des Liberalismus sowie Kunst und Kultur jenseits der Haute Culture, wie es in der westlichen Kunstgeschichte selten der Fall ist. Trotz des enormen Umfangs oder gerade deswegen und trotz ausbleibender Redundanzen ist Bayly manchmal zu hektisch und oberflächlich. Ich wünschte mir an viele Stellen einen Link, um noch tiefer nachlesen zu können. Chinesische Kaiser hatten kleinere Völker am Rande ihres Machtbereichs nicht ausreichend unter Kontrolle? Warum? Und wie sah das konkret aus? Oder warum entstand im 18. Jahrhundert ein Drang, sich zu Clubs, Vereinen, Gesellschaften usw. zusammen zu schließen?

Doch insgesamt wird die Vielfalt globaler Verknüpfung farbenprächtig deutlich. Etwa wenn indische Baumwollhändler aufgrund des amerikanischen Bürgerkriegs reich werden – und dann nach Ende des Krieges ruiniert sind und die Weltwirtschaft in eine Krise treiben. Interessant sind auch globale Phänomene wie der Fußball oder die Entstehung von Cafés. Ein tolles Buch, dass ich sicher nicht zum letzten Mal gelesen habe, wenn ich es auch sicherlich nicht mehr am Stück lesen werde sondern eher themenspezifisch.

Christopher A. Bayly // Die Geburt der modernen Welt. Eine Globalgeschichte 1780 – 1914.
1. Deutsche Auflage 2006 // 2004
Campus Verlag // Blackwell Publishing
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