Franz Werfel // Die 40 Tage des Musa Dagh

Ach, was bin ich ergriffen. Die Erlösung, die doch bekannt war und sich erst auf den letzten Seiten entfaltet, ist so bittersüß. Denn Franz Werfel zog mich tief in seine Geschichte des Armenierwiderstandes hinein. Ein Teil von mir war dort oben auf dem Musa Dagh.

  • Take-away: Krasser Stoff, dieser Völkermord an den Armeniern. Viel zu krass.
  • Ein Buch für: Liebhaber klassischer Heldengeschichten, von Abenteuerromanen und (Anti)Kriegsliteratur.

Während der weltweiten Kämpfe des Ersten Weltkrieges vertrieben Türken armenische Bürger. Die Verschickung war so angelegt, dass die Mehrzahl der Vertriebenen nie an ihrem Bestimmungsort ankam. Zwar regte sich an einigen Orten Widerstand – insbesondere in größeren Armenierstädten. Doch hielt der der anrückenden türkischen Armee nicht stand. Nur eine kleine Gruppe schrieb eine andere Geschichte, jene des gallischen Dorfes: 5.000 Menschen zogen sich auf den Musa Dagh zurück und widersetzten sich dort über 50 Tage lang den Angriffen der türkischen Armee, nur mit Jagdwaffen bewaffnet. Bis am Ende ein französisches Kriegsschiff auf sie aufmerksam wurde und sie an Bord nahm.

Diese Geschichte beschreibt Franz Werfel in seinem Roman Die 40 Tage des Musa Dagh. Die Zeit des Ausharrens auf biblische 40 Tage verkürzt. Eine Zeit der Vorbereitung, der Veränderung. Eine Zeit, in der der Held Gabriel Bagradian eine fundamentale Wandlung durchmacht. Es ist ein großartiger Roman über Vertreibung, Ungerechtigkeit, Heldenmut und Nationalstolz. Er ist brutal, voller Action, geht in die Tiefe, nimmt sich Zeit für kleine Begegnungen im Alltag des Flüchtlingslagers, gibt den Charakteren viel Raum. Er weiß auf so viele Art und Weisen zu fesseln. Eben nicht nur in den Beschreibungen von Schicksalen oder der Schlachten, sondern auch in den langen und ruhigen Passagen.

Seltsam, dass der Stoff noch nicht als Blockbuster à la 300, Die Glorreichen 7 oder Inglorious Basterds verfilmt wurde. Er eignet sich doch hervorragend. Die Helden, die sich mit jeder Angriffswelle mit Hilfe der Waffen der gefallenen Angreifer besser ausrüsten können. Das Gegnerische Heer, das erst aus 400, dann aus 800 plus Haubitzen und schließlich aus 5.000 Soldaten besteht. Das einfache Volk, Bauern, die angeführt von einigen erfahrenen Kriegsrecken zu Helden werden.

Dazu Charaktere, die sich grandios überzeichnen ließen. Mystische Totenweiber, ein adliger General, der immer mehr zum Tier wird und letztendlich mit der rauen Natur des Berges verschmilzt. Der alte, schlaue Waffennarr, der Munition in Handwerksarbeit herstellen lässt. Ein russischer Totenkopf, der vom armseligen Flüchtling zum eiskalten Frontgeneral wird. Der amerikanische Gentleman, selbst im allergrößten Chaos noch gestriegelt. Das halbwilde Mädchen, dass kaum mehr als Grunzlaute von sich geben kann, sich aber geräuschlos durch die Feindeslinien zu bewegen weiß. Ein kämpfender Pfarrer. Halbwüchsige, die den Krieg als Spiel missverstehen und für unschuldige und grausame Heldentaten sorgen. Leid, Mut, Liebe, Verrat, …

… doch die Ereignisse sind historisch umstritten. Zumindest aus Sicht vieler Türken. Sylvester Stallone wagte sich an den Stoff – und machte wohl einen Rückzieher.

Das Buch stellt sich klar auf die Seite jener, die die Ereignisse als Völkermord bezeichnen und beschreibt die kalte, bestialische Argumentation der Jungtürkischen Revolutionäre. Die Hintergründe basieren auf Aufzeichnungen des deutschen Theologen Johannes Lepsius. Der tritt im Buch unter seinem tatsächlichen Namen auf, genau wie der deutsche Konsul Rößler, der die Ereignisse ebenfalls bestätigte, wenn auch weniger detailliert. Gabriel Bagradian ist dagegen nur an sein Vorbild Mose Der Kalousdian angelehnt. Auch der Pfarrer Dikran Andreasian, von dem ebenfalls Aufzeichnungen existieren (lesen lohnt sich, weil die Geschichte zumindest ansatzweise über das Ende des Buches hinaus erzählt wird), steht der Buchfigur Aram Tomasian nur Pate. Das türkische Volk oder den Islam verurteilt Werfel aber nicht. Beide spielen leidenschaftliche, wenn auch letztlich hoffnungslose Rollen des Widerstandes.

Franz Werfels Roman diente als Vorbild für verschiedene jüdischen Gruppen im zweiten Weltkrieg, die sich in Ghettos verschanzten. Auch gab es einen Plan, sich auf den Berg Karmel zurückzuziehen, sollten die Feinde tatsächlich bis nach Syrien und das damalige Britische Mandatsgebiet Palästina einfallen. Das Buch eignet sich tatsächlich als Vorbereitung auf einen solchen Rückzug, denn es zeigt verschiedene taktische Kniffe, schildert Verteidigungsanlagen und beschreibt, woran man bei der Organisation eines Widerstands denken muss – und mit welcher Not und welchem Elend man trotz aller kämpferischen Erfolge zu rechnen hat.

Die 40 Tage des Musa Dagh erschien 1933 und war im deutschen Reich von Anfang an verboten. Ungeheuerlich, dass ein Buch die Auswirkungen von Nationalstolz und Fremdenhass so detailliert beschreiben kann und dennoch unmittelbar danach und just in Deutschland etwas ähnliches in kalter, industrieller Effizienz geschehen konnte.

Franz Werfel // Die 40 Tage des Musa Dagh
38.-42. Tausend 1986 // 1933
Fischer Taschenbuch Verlag // Paul Zsolnay Verlag
870 Seiten

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