Das Gesetz. Die Sünde. Und die Erlösung. Vom Umgang mit Gottes Geboten – Menschen nach dem Herzen Gottes

Neonkreuz in Parral in Mexico. Foto: Diana Vargas / Unsplash
Das Gesetz. Die Sünde. Und die Erlösung. Vom Umgang mit Gottes Geboten – Menschen nach dem Herzen Gottes
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Müssen Hexen verbrannt werden? Schwule gesteinigt? Ist Sklaverei erlaubt? Sollte die Prügelstrafe für Kinder eingeführt werden? Darf ich kein Mischgewebe mehr tragen? Zumindest dann, wenn die Bibel mein Bewertungsmaßstab ist? Für mich hat die Bibel Autorität und Ich wollte es genau wissen. Mehr als ein Jahr studierte ich dieses heilige Buch in Hinblick auf ein einziges Thema: Das Gesetz. Von einem entspannten Umgang mit Gottes Geboten.

„In Wirklichkeit heißt es gar nicht: Du sollst. Sondern du wirst.“ Diesen Satz hörte ich auf irgendeiner Jugendfreizeit und er steht exemplarisch für meine christliche Sozialisation bevor ich Jesus persönlich kennenlernte und ihm hinterherlief. Das Gesetz war in meinem Umfeld irrelevant. Keines der Gebote, die ich befolgen musste, musste ich befolgen, weil es Gott uns gegeben hätte. Das, was in der Bibel steht ernst zu nehmen, war als gesetzlich verpönt.

Später lernte ich einen Mann kennen, der sagte: „Ich bin dagegen, Weihnachten zu feiern. Wenn etwas nicht in der Bibel steht, dann lehne ich es ab.“ Diese Art Verkniffenheit war genau das, was ich unter Gesetzlichkeit verstand. Aber wenn das Gesetz tatsächlich nicht so wichtig ist, warum hat es Gott uns dann gegeben? Jesus sagt doch, wer glaubt, getauft ist und seine Gebote befolgt, wird gerettet. Ich lernte Kreise kennen, in denen Gehorsam die wichtigste Eigenschaft eines Christen war.

Um herauszufinden, welcher Weg der richtige sei, studierte ich intensiv die Bibel im Hinblick auf die Gebote. Und ich fand heraus, dass beide Wege wichtig sind. Ich teile den Text in sieben Kapitel ein:

1. Sünde? Zielverfehlung!

Gesetz und Sünde lassen sich nicht getrennt voneinander erklären. Die Verbindung der beiden Begriffe scheint auf dem ersten Blick klar zu sein: Es gibt ein Gesetz und wer dagegen verstößt, sündigt. Damit ist Sünde eine Tat, vergleichbar mit einem Verbrechen. Dieses Verständnis ist allerdings falsch und stellt die Bibel auf den Kopf. Denn in der Bibel gab es nicht zuerst das Gesetz. 1 Zuerst kam die Sünde:

Denn die Sünde war wohl in der Welt, ehe das Gesetz kam.
Römer 5, 13a

Das hebräische Wort für Sünde lautet חַטָּ֣את (chata), der griechische ἁμαρτία (hamartia). Beide bedeuten Zielverfehlung. In Richter 20,16 ist von einer Gruppe Krieger die Rede, die niemals sündigen. Dabei handelt es sich aber nicht um besonders gottesfürchtige Männer, sondern um Kämpfer, die gut mit ihrer Steinschleuder umgehen können und ihr Ziel nie verfehlen. Sünde ist Zielverfehlung. Daneben. Wenn Gott der Maßstab ist, dann ist Sünde jegliches Verhalten, dass von diesem Maßstab abweicht. Wenn ganz bei Gott sein der Sinn unseres Daseins ist, dann ist Sünde der Zustand, nicht bei Gott zu sein. Es ist alles das, was uns davon abhält, bei Gott zu sein. Wenn Gott Liebe ist, dann ist Sünde die Abwesenheit von Liebe. Wenn Gott Leben ist, dann ist Sünde der Tod.

Dartscheibe, Darts, Foto: Artur Matosyan / Unsplash
Gar nicht so leicht, das Bull’s Eye zu treffen. Foto: Artur Matosyan / Unsplash

Sünde ist also in erster Linie keine konkrete Tat sondern eine Abweichung vom Optimum. So wird es auch klar, wie leicht es ist, zu sündigen. Niemals zu sündigen würde ja bedeuten, in vollkommener Übereinstimmung mit Gott zu leben. Immer. In der Genesis, dem ersten Buch Mose, beschreibt der Verfasser die Schöpfung, die Erschaffung der Menschen und den Sündenfall. Unabhängig davon, ob diese Beschreibungen historisch korrekt sind, sind sie inhaltlich korrekt: Weil der Mensch einen eigenen Willen hat und danach strebt, so zu sein wie Gott, er also seine eigenen Wege geht, sündigt er. Genau das ist Sünde: Nicht Gottes Wege gehen sondern seine eigenen.

Wenn Gott Leben ist und Sünde die Trennung von Gott, dann ist die Konsequenz einer Zielverfehlung immer der Tod. Das hat aber nichts mit Strafe zu tun, sondern ist ganz einfache Logik. Wenn du getrennt von Gott lebst, abgesondert von der Quelle des Lebens, hat das tödliche Konsequenzen für die verschiedensten Bereiche deines Lebens. Für deine Beziehungen, deine Leidenschaften, Emotionen, deine Charaktereigenschaften. 2

Sünde zu differenzieren ist wenig sinnvoll und ohne Gesetz unmöglich. Knapp daneben ist halt immer auch vorbei.

2. Das Gesetz der Bibel

Jetzt stell dir mal vor, du willst ein Ziel treffen, aber du weißt nicht, wo es steht und außerdem sind dir die Augen verbunden.3 Wird schwer. So ähnlich sah die Situation bei Hiob, Noah, Abraham, Joseph und so weiter aus. Um so erstaunlicher, dass diese Menschen dennoch mit Gott unterwegs waren und er sie gebrauchen konnte.

In diesem Sinne ist das Gesetz ein Geschenk. Es ist eines von mehreren Arten, wie sich Gott uns Menschen offenbart hat.4 Unter diesem Gesetz versteht man oft die 613 Ge- und Verbote, die in den fünf Büchern Mose genannt werden.5 Und an sich reichen diese auch aus. Es handelt sich dabei nämlich um ein verzweigtes Gesetzessystem mit untergeordneten Geboten und Detailverordnungen. Über allen Gesetzen steht das Doppel- bzw. Dreifachgebot der Liebe.6 Aber um genau zu untersuchen, was es bedeutet, das Ziel zu treffen, reicht es nicht aus, sich nur diese 613 Paragraphen anzusehen.

Jesus selbst liefert eine Menge Beispiele für diesen Sachverhalt, etwa in der Bergpredigt. Solange ich mich nicht scheiden lasse oder meine Frau nicht betrüge ist alles ok? Nein, du verfehlst das Ziel bereits dann, wenn du eine andere Frau begehrlich ansiehst.7

Ist das Gesetz also unvollständig? Nein, das Dreifachgebot ist vollständig und perfekt. Aber die Erläuterungen und Fallbeispiele, sind es nicht. Ein allumfassendes Gebot würde mathematischen Fraktalen gleichen, die sich in alle Unendlichkeit verfeinern. Nicht anders sieht es übrigens  in der modernen Gesetzgebung aus. Gesetze sind oft unvollständig und ständiger Konkretisierung unterworfen.

Fraktale, Animation, GIF

Nicht zu sündigen bedeutet deswegen nicht, alle Gebote zu halten. Sondern ganz nach dem Herzen Gottes zu leben: In jeder Sache, in jeder Entscheidung so zu handeln, wie Gott sich das wünscht.

Das Gesetz des Hammurapi
Das mosaische Gesetz ist nicht die erste Rechtssammlung der Welt. Unter Ur-Nammu, einem sumerischen König gab es so etwas bereits, unter Lipit-Istar im heutigen Irak ebenfalls. Die erste vollständige Sammlung entstand unter dem babylonischen König Hammurapi. Die Mosaischen Gesetze gehen zum Teil auf dessen Sammlung zurück, die Formulierung „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ findet sich zum Beispiel bereits bei Hammurapi. Das Dreifachgebot der Liebe ist dagegen neuartig. Die Mosaischen Gesetze sind außerdem deutlich humanistischer.

3. Wie wir mit dem Gesetz umgehen sollten

Wie sollten Christen oder Nachfolger Jesu also mit all den formulierten und impliziten Geboten der Bibel umgehen? Das ist eine äußerst kritische Frage, Auslöser für unzählige Streitigkeiten zwischen verschiedenen Gemeinden und Ansatzpunkt für 90 Prozent aller Kritik an christlichen Moralvorstellungen.

Wie gesagt geht es nicht einfach nur darum, alle Gebot zu halten. Sondern darum, sich so zu verhalten, wie es Gott gefällt. Das Gesetz ist dabei nur eine Krücke. Wie diese Krücke aber anzuwenden ist, dafür gibt es folgende Optionen:

  1. Alles gilt. Diese Sichtweise kann schon deshalb nicht richtig sein, weil einzelne Gesetze des Alten Testaments im Neuen Testament von Jesus oder den Aposteln explizit aufgehoben werden oder sich widersprechen. Beispielsweise die Speiseverordnungen.8 Wie absurd es wäre, alles absolut wörtlich zu nehmen, zeigt außerdem dieses Video:

     

  2. Nix gilt. Immerhin ist Jesus für unsere Sünden gestorben und hat das Gesetz erfüllt. Alles ist uns jetzt erlaubt. Stimmt zwar, aber keineswegs dient uns alles zum Besten.9 Außerdem bestätigen Paulus, Petrus und Jesus einige Gesetze explizit. Und Paulus schreibt im Römerbrief im Kapitel 6: „Sollen wir denn in der Sünde beharren, damit die Gnade umso mächtiger werde? Das sei ferne! Wir sind doch der Sünde gestorben.“
  3. Die ersten beiden Möglichkeiten sind eigentlich keine Lösungen und so wenden – ich lehne mich mal aus dem Fenster – ausnahmslos alle Christen die dritte Lösung an: Manche Gesetze gelten. Und welche genau? Tja, das ist wohl die eigentliche Frage. Üblich ist beispielsweise, das Gesetz in Kategorien zu unterteilen: Kultgesetz, Moralgesetz und Sozialgesetz. Der Kult gilt nicht mehr, das Sozialgesetz muss an heutige Standards angepasst werden, die Moral gilt noch. Manchmal wird die Bibel auch samt ihrer Gesetze in Zeiten oder Phasen eingeteilt. Aber alle diese Einteilungen lassen sich nicht klar von der Bibel her belegen und sind insofern tatsächlich Rosinenpickerei.

Um herauszufinden, wie wir mit den Gesetzen der Bibel umgehen sollten, gibt es nur eine Möglichkeit: Die Bibel studieren und herausfinden, wie die Akteure der Bibel selbst mit den Gesetzen umgehen. Interessant sind deswegen vor allem jene Fälle, in denen sich Figuren nicht an die Gebote halten oder ihnen sogar widersprechen. Das kann uns dann als Vorbild dienen und wir können Prinzipien übernehmen.

  • Gebote können auf andere Situationen übertragen und ausgeweitet werden. Aus dem dreschenden Ochsen, dem man zu Essen geben soll, leitet Paulus ab, dass er und seine Leute eine Bezahlung verdient hätten.10 Mit der gleichen Logik ließe sich Vegetarismus durchsetzen.11
  • Der Mensch ist wichtiger als das Gesetz. Jesus widersetzt sich zu verschiedenen Gelegenheiten den geltenden Sabbatbestimmungen.12 Nun kann man sicherlich diese Gebote und Jesu Verhalten in diesen Situationen so hindrehen, dass er sich absolut gesetzmäßig verhielt. Aber eigentlich wissen wir dafür zu wenig über Jesu Alltag. In Bezug auf seine wohlverdiente und gesetzmäßig vorgeschriebene Ruhe lesen wir nur, dass er durchaus versuchte, sich auszuruhen, sich dann aber immer wieder von Menschen erweichen ließ. Jesus lief, heilte und lehrte am Sabbat, was soweit wir das sagen können, seinem Alltag entsprach und was auch Gesetzeslehrer gegen ihn aufbrachte. Jesus selbst sagt, das Gebot sei für den Menschen da, nicht umgekehrt. Das heißt aber nicht, dass das Gebot, den Sabbat zu halten, nicht mehr gilt. Es gilt heute genau wie im Alten Testament und zur Zeit Jesu. Aber der Mensch ist halt wichtiger.
  • Manche Gesetze gelten nur in einer bestimmten Zeit – oder für bestimmte Menschen. Die Speiseordnungen hat Jesus selbst aufgehoben, spätestens aber die Apostel. Das gleiche gilt für die Beschneidung als Bundeszeichen die Apostel.13 Das ist interessant, weil Gott die Beschneidung so wichtig war, dass er Mose beinahe gekillt hätte, als sich der unbeschnitten aufmachen wollte, in seinen Dienst zu treten.14 Im Alten Testament wird jedoch bereits klar, dass es Gott nicht um Vorhäute geht. Viel lieber wären ihm beschnittene Herzen.15 Das äußerliche Zeichen des Bundes gibt es nicht mehr, weil der Bund zwischen Gott und Christen ein anderer ist als der zwischen Gott und seinem Volk.16 Aber das innere Zeichen, also das beschnittene Herz, gibt es durchaus noch.
  • Manchmal gilt Gnade vor Recht. Jesus entlässt eine Ehebrecherin – und verstößt damit möglicherweise gegen geltendes Strafrecht.17 Die Geschichte ist problematisch, weil alles darauf hindeutet, dass sie nachträglich ins Johannes-Evangelium eingefügt wurde.18 Das wiederum heißt aber nicht, dass sich das Ereignis nicht zugetragen hat. Wie auch immer, Jesus verzichtet darauf, die Ehebrecherin anzuklagen. Ihre Tat bleibt eine Zielverfehlung aber Jesus erspart ihr die Folgen dieser Zielverfehlung.
  • Nach dem Herzen Gottes zu leben, heißt nicht, alle Gesetze zu halten. Das wird klar, wenn wir uns das Leben Davids ansehen. Dieser Mann nach dem Herzen Gottes entspricht weder dem, wie ein Leiter nach dem Neuen Testament sein soll,19 noch kann er ein sündenfreies Leben vorweisen. Es ist noch nicht einmal weitgehend sündenfrei, wie etwa das Leben des Hiob.20 David, der die Schaubrote aß, der die Volkszählung gegen Gottes Willen anordnete, der Uriah ermordete und Ehebruch beging, der log, um seine Vergehen zu bedecken, der mehr als eine Frau hatte, der seine Söhne nicht kontrollieren konnte.21 Inwiefern soll der ein Mann nach dem Herzen Gottes sein? Meine Antwort: Er richtete sich auf Gott aus, war sich seiner eigenen Fehlerhaftigkeit bewusst und war demütig. Man beachte seinen Umgang mit Saul und Absalom.22 Gott scheint ein demütiges, auf ihn ausgerichtetes Herz mehr zu schätzen, als einen Menschen, der alle Gebote einhält.
  • Gesetze besitzen eine Tiefe, die nicht immer ausformuliert wird. Jesus bezog zu zahlreichen Themen Stellung, die damals unter Rabbinern heiß diskutiert wurden. Darunter beispielsweise auch die Fragen nach Ehebruch.23 Für ihn ist es bereits Ehebruch, eine geschiedene Frau zu heiraten. Oder gar, eine andere Frau nur lüstern anzusehen. Eine Vorgabe, die die wenigsten einhalten können, auf alle Gebote angewendet sicherlich niemand. Niemand kann demzufolge aus eigener Kraft gerecht sein.24 Interessanterweise entlässt Jesus gerade eine Ehebrecherin aus der Anklagebank. Leider hat Jesus keine durchkommentierte Ausgabe des alttestamentarischen Gesetzes hinterlassen.
  • Gott interessiert sich nicht für eine wort-wörtliche Befolgung seiner Gebote. Gott lässt durch seinen Propheten Hosea ausrichten, welche Art Fasten ihm wirklich gefällt: Der Verzicht auf den eigenen Status. Etwas ähnliches gilt für Opfer. Während das Gesetz unbedingten Gehorsam bei der Befolgung der Opferriten vorschreibt, sagt Gott selbst, ihm sei es viel wichtiger, die Menschen würden generell seine Gebote halten, anstatt erst zu tun, was sie wollen und dann sich mit einem Opfer die Absolution zu holen.25

Wir sehen also, dass die Figuren der Bibel inklusive Jesus keinesfalls streng wörtlich mit Gesetzen umgehen. Im Zentrum steht der Mensch und sein Herz und nicht das Gebot. Zwar sind Gebote ein Ausdruck des Wesens Gottes, dass aber über die Bedeutung, die aneinandergereihte Wörter transportieren, hinausgeht. Ein jesusmäßiger Umgang mit dem Gesetz Gottes beinhaltet deswegen immer eine gewisse Rosinenpickerei.

Ich habe als Christ also folgende Aufgabe: mich so gut ich nur kann an Gott wenden. Sein Gebot erforschen. Im Gebet, mit anderen Christen, im heiligen Geist. Und dann sein Gebot erfüllen, nicht weil es die Tradition oder Gesellschaft oder Kirche so wollen, sondern weil ich das Gebot verstanden habe. Das gilt auch für Situationen die von mir Dinge fordern, zu denen es keinen passenden Text gibt.

Heißt das, dass es kein eindeutiges, klares richtig oder falsch gibt? Doch das gibt es. Aber Gottes Wille wird durch mehr bestimmt als nur durch Worte, Buchstaben und Satzzeichen. Was das ist, kann logischerweise nicht ebenfalls mit Hilfe von Worten, Buchstaben und Satzzeichen ausgedrückt werden. Es handelt sich um ein quasi mystisches Element, das in der Bibel selbst ein Handeln nach dem Herzen Gottes genannt wird. Es ist etwas, was kein Mensch von Natur aus kann; was gleichbedeutend damit ist, dass der Mensch eine sündhafte Natur besitzt. Oder eben eine zielverfehlende Natur.

4. Die Gute Nachricht von Jesus

Die Welt, in der wir leben, ist Produkt unserer Handlungen. Und die verfehlen ihr Ziel. Wenn wir also Leid, Ungerechtigkeit, Zerstörung, Schmerz usw. feststellen, dann liegt das nicht daran, dass die Welt ein schlechter oder missratener Ort wäre. Sondern daran, dass sie halt einfach nicht so ist, wie sie gedacht war.26 Ich kann eine perfekte Party planen, aber wenn die Teilnehmer sich mehrheitlich anders verhalten, als ich es gedacht habe, kann sie dennoch zum Reinfall werden.

Jesus, Foto: Jon Tyson / Unsplash
Jesus-Graffiti. Kein Ahnung, was das „QWERTY“ da soll. Foto: Jon Tyson / Unsplash

Der Unterschied zwischen der perfekten Welt, wie Gott sie sich ausgedacht hat und der tatsächlichen Welt ist die Summe aller Zielverfehlungen. Jeder einzelne von uns will aus eigener Kraft Gott sein oder ihm zumindest gefallen oder aber irgendeine Form von Ewigkeit oder Erlösung erlangen und das geht kolossal in die Hose.27 Die meisten Erdenbürger geben sich mit dem Zustand der Welt allerdings nicht zufrieden. Sie versuchen, für sich und ihre Angehörige das Beste draus zu machen. Und genau dieses Streben noch selbstgemachtem Glück ist Zielverfehlung, dann Gott wünscht sich, dass die Menschen nach dem Glück, das von ihm kommt, streben. Die Menschen versuchen, die Welt mit allerhand Maßnahmen und Projekten und Aktionismus besser zu machen. Und auch das ist Zielverfehlung. Sie versuchen, der Welt zu entkommen durch Rausch und Realitätsverdrängung oder -flucht. Selbst das ist Zielverfehlung. Und dann gibt es noch jene, die durch die Erfüllung von Gottes Geboten sich selbst zu retten versuchen. Was paradoxerweise ebenfalls Zielverfehlung ist.28

Gott hat sich einen Ausweg ausgedacht: Jesus. Der ist selbst Gott, ist selbst perfekt und kann die unendliche Trennung von Gott auf sich nehmen und aufheben. Er ist für uns gestorben und hat so die Konsequenz aller Zielverfehlungen auf sich genommen. Weil er uns liebt und weil er sich mit uns identifiziert. Es ist relativ logisch, dass auch wir uns mit ihm identifizieren müssen, wenn dieser Tod für uns gelten soll. Jesus ist außerdem auferstanden und sitzt zur Rechten Gottes. Er ist die Personifizierung der heilen Welt, des Reiches Gottes. Genau wie wir uns mit seinem Tod identifizieren können, können wir uns mit seiner Auferstehung identifizieren. Und durch Jesus Teil des Reiches Gottes werden. Dazu müssen wir umkehren und die Dinge, mit denen wir das Ziel verfehlen, sein lassen. Wir müssen unser Leben lassen und Jesus nachfolgen. Hinein in den Tod, hinauf in den Himmel. Wir müssen durch Jesus Wirken in uns wachsen, hin zu einem Menschen, dessen Herz mit dem Willen Gottes tätowiert ist.29

Und gleichzeitig wie Jesus den Weg zurück in die Welt antreten und den Himmel auf Erden bringen und von diesem großartigen Plan erzählen. Das ist der einzige Ausweg aus der kaputten Welt. Der Weg ist Jesus. Nicht das Gesetz. Es geht darum, wie Jesus zu werden. Nicht wie das Gesetz.

5. Menschen nach dem Herzen Gottes

Menschen wie David, Hiob, Henoch, Abraham, Mose haben eines gemeinsam: Sie sind Sünder. Und sie lebten nach dem Herzen Gottes.30 Auch wir sollen nach dem Herzen Gottes leben und das ist nicht einfach:

  • Wir müssen annehmen, was Jesus für uns getan hat.
  • Wir müssen aufhören, unseren eigenen Wegen zu folgen, anfangen, Jesus nachzufolgen, uns von ihm verändern lassen und in die Welt gehen.
  • Wir müssen Gottes Gebote ernst nehmen und nachforschen, was sie für unser Leben bedeuten.
  • Wir müssen unser Herz auf Gott ausrichten.

Gott wird uns ein neues Herz geben.31 Und in seiner Gegenwart, wenn wir auf ihn blicken, werden wir verändert werden.32 Wir sollen die Gebote nicht aus eigener Kraft halten wollen. Wir sollen auf Gott blicken und nicht auf die Gebote, damit Gott uns verändern kann und wir so werden, dass wir seine Gebote halten können – ohne den Text sondern nur mit Herz.

Das alles hat nicht nur Auswirkungen auf unser eigenes Leben. Sondern auch darauf, wie wir mit anderen Umgehen. Ja, wir sind in die Welt geschickt, Menschen den Umgang mit Gottes Geboten zu lehren. Aber zuerst sollen wir sie zu Jüngern machen.33 Genau wie wir die Gebote nicht halten, indem wir uns auf sie ausrichten, können auch unsere Freunde und Bekannte Gott nicht gefallen, indem sie sich einem religiösen Zwang unterwerfen. Menschen werden nicht gerettet, weil wir sie dazu bringen, Gebote so zu halten, wie wir sie verstehen. Menschen werden dann gerettet, wenn sie den gleichen Weg wie wir einschlagen, also Jesus nachfolgen. Die Veränderung kommt dann ganz von alleine. Bevor wir einem Menschen also Gebote eintrichtern, sollten wir ihm eintrichtern, was es bedeutet, auf Jesus zu schauen und Beziehung mit ihm zu pflegen.

Verurteilungen und Vorwürfe verfehlen das Ziel. Nicht nur bei unserem Nächsten. Denn der wird dadurch nicht zu Jesus geführt. Auch wir selbst verfehlen das Ziel. Übrigens schon allein auf Basis das Gesetzes. Da wäre die Stelle mit dem Balken:

Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge? Oder wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen! – und siehe, ein Balken ist in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.
Matthäus 7, 3-5

Und Paulus schreibt an die Römer:

Darum lasst uns nicht mehr einer den andern richten; sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite.
Römer 14,13

6. Konkrete Anwendung

All diese Dinge sind in der Theorie ja ganz nett. In der Praxis wird’s vor allem dann knifflig, wenn zwei Interpretationen aufeinandertreffen.

Sagen wir, Hans-Theodor ist davon überzeugt, man dürfe nur Klamotten aus einem Garn tragen. Fritz-Fidibald dagegen ist der Meinung, dieses Gebot besitze eine tiefere Bedeutung und spiele darauf an, dass man nicht zwei Herren dienen könne, sondern immer nur einem. Nämlich Jesus oder dem Geld. Wie gehen diese beiden Herren nun miteinander um? Ermahnen sie sich gegenseitig in Liebe bis zum Sankt Nimmerleinstag? Schlagen sie sich die Rüben ein? Diskutieren sie, legen Schriften aus, Wälzen den Talmud? Ignoriert der eine den anderen? Nun, ich hoffe, sie halten an ihren Überzeugungen fest, sehen aber gleichzeitig über ihre theologischen Differenzen hinweg und konzentrieren sich auf das, dessen sie sich sicher sein können: Jesus.

Maxim-Alexander denkt, nur wer ohne Tadel ist, könne ein Priester sein. Frank-Malfurion dagegen ist Priester. Und auf dem rechten Auge blind. Vermutlich wird sich Maxim-Alexander nicht der Führung Frank-Malfurions unterordnen können. Das heißt aber nicht, dass er Andere gegen ihn und sein Werk aufhetzen muss.

Peter-Ludwig ist Pfarrer und der Meinung, Sklaverei sei Verboten. Chantalle-Yvonne ist Unternehmerin, die von moderner Sklaverei profitiert. Sie hätte gerne, dass Peter-Ludwig einen Gottesdienst in der neuen Fertigungshalle hält und diese segnet. Peter-Ludwig sollte nicht dazu gezwungen werden, seine Überzeugungen aufzugeben oder diesen zuwider zu handeln. Er sollte aber auch nicht behaupten, Gott würde Chantalle-Yvonne verabscheuen. Chantalle-Yvonne wiederum hätte vermutlich ohnehin gerne einen Pfarrer, der ihre Überzeugungen teilt.

Maria-Erika findet, dass Menschen, die ihre eigenen Eltern beleidigen, getötet werden müssen. Sie geht mit einer Mitstreiterin auf Streifzug und stellt Verbrecher. Weil sie selbst ihre Eltern in Ehren hält, darf sie ihrer Auffassung nach das Urteil vollstrecken. Maria-Erika ist eine Mörderin und sollte nach Landesrecht bestraft werden.

Das ist zumindest jeweils meine Meinung und Schlussfolgerung aus meinen Gedanken.

7. Von einer anderen Gesetzlichkeit

Die beiden Wege im Umgang mit dem Gesetz, also die ausschließliche Betonung der Gnade Gottes und die ausschließliche Betonung der Gesetze Gottes sind zwei Seiten der gleichen Münze. Und egal wie sie daliegt, sie liegt falsch. Der Rand der Münze ist breiter als man denkt und wird meines Erachtens oft vergessen. Ja, die Gesetze sind brutal wichtig. Und ja, wir werden sie halten. Aber nur dann, wenn Gott unser Herz verändert. Wir schaffen es nicht alleine, Menschen nach dem Herzen Gottes zu sein. Wir halten die Gesetze nicht, damit wir errettet werden, sondern wir können sie halten,weil wir bereits errettet wurden.

Es nützt weder, die Freiheit, noch das Gesetz zu betonen. Beide Wege führen am Ziel vorbei. Entweder wir missachten einen erheblichen Teil der Offenbarung Gottes. Oder wir missachten einen erheblichen Teil seines Erlösungswerkes. „Die Wurzel und Ursache der Sünde ist die Überheblichkeit, mit der der Mensch sein eigener Richter und der seines nächsten sein will.“34 Entweder wir richten uns selbst und sprechen uns davon frei, auch nur ansatzweise jemals dem Willen Gottes zu wider handeln zu können oder wir richten andere und verurteilen sie. In beiden Fällen machen wir uns selbst zum Richter.

Wir sollten immer daran denken, dass wir selbst immer wieder das Ziel verfehlen und nur deswegen den Hauptpreis bekommen, weil der Pfeil Jesu im Zentrum unserer Zielscheibe steckt.35 Wir selbst können nichts dazutun. Wir sollten immer daran denken, dass unser Bruder und Herr Jesus Christus für den Anderen gestorben ist. Wir sollten immer daran denken, dass der Andere ein Geschöpf Gottes ist. Wir sollten immer daran denken, dass ohne Liebe alles nur tönendes Erz ist. Wir sollten daran denken, dass wir nicht durch das Gesetz gerettet werden, sondern durch Jesus Christus. Wir sollten immer daran denken, dass wir dort, wo wir immer wieder sündigen, auch weiterhin danebenschießen werden, wenn wir nicht aufgeben und Gott uns verändert.

 

Titelbild: Diana Vargas on Unsplash

 

Anmerkungen

  1. Adam und Eva hatten kein Gesetz. Sie hatten ein einziges Gebot: Nicht vom Baum der Erkenntnis zu essen. Kain und Abel, Noah und seine Mitmenschen, sowie die Turmbauer von Babylon hatten allesamt ebenfalls kein Gesetz. Es wurde dem Volk Gottes erst durch Mose, am Berg Sinai gegeben (2. Mose 19 ff)
  2. Der Tod tritt nicht unmittelbar ein. Adam und Eva mussten nicht sofort sterben, aber bekamen die Wirkungsweise des Todes sofort mit. Auch wir müssen nicht sofort sterben. Dafür ist der Tod am Ende des Lebens ewiger Zustand.
  3. Illustriert in meiner Kurzgeschichte Marek und der Zauberer
  4. Andere Arten sind: durch die Schöpfung, durch einzelne Menschen, durch sein Volk und sein Handeln mit ihm, durch Jesus Christus, durch die Bibel, …
  5. Ich weiß nicht, ob diese Zahl stimmt. Wollte eigentlich mal zählen, hab ich aber nie durchgezogen und jetzt habe ich keine Lust mehr.
  6. Matthäus 22,39-40
  7. Matthäus 5,27-30
  8. Markus 7,18-19 und Apostelgeschichte 15,20-28. Natürlich kann man auch anderer Meinung sein: http://www.gutenachrichten.org/ARTIKEL/gn06ja_art3.htm
  9. 1. Korinther 6,12
  10. Paulus zitiert das Gesetz aus 5. Mose 25,4 in seinem ersten Brief an Timotheus, Kapitel 5, Vers 18 und seinem ersten Brief an die Korinther, Kapitel 9, Vers 9.
  11. Denn du sollst nicht töten. Doch während Paulus nur aus Rücksichtsname für Vegetarier zu Fleischverzicht auffordert, gibt es viele Stellen, in denen Jesus oder Priester Fleisch oder Fisch essen oder verteilen. Auch für die Sichtweise, nichts für einen geistlichen Dienst zu verlangen, gäbe es Formulierungen (Zum Beispiel Matthäus 10,8b oder 2. Korinther 12,14). Das wäre allerdings nicht zu Ende gedacht. Wovon soll ein Prediger denn sonst leben? Am Ende müsste er nach Apostelgeschichte 4,34 Unterstützung seiner Gemeinde bekommen. Also bezahlt werden. Auch die alttestamentarischen Priester wurden vom Volk versorgt.
  12. Zum Beispiel Markus 2,27 samt Kontext.
  13. Apostelgeschichte 15,19
  14. 2. Mose 4,24-26
  15. Zum Beispiel 5. Mose 10,16
  16. Römer 2,25 und Galater 5,6 sowie weitere Stellen
  17. Johannes 8,1-11
  18. Alle uns bekannten Quellen vor dem 5. Jahrhundert erzählen diese Geschichte nicht. Alle Quellen ab dem 5. Jahrhundert führen sie. Papias erwähnt möglicherweise eine ähnliche Geschichte im Hebräerevangelium, das allerdings weitgehend verschollen ist. Fragmente bspw. Hier: https://www.yumpu.com/de/document/view/4148578/antilegomena-die-reste-der-ausserkanonischen-evangelien-und-/119
  19. 1. Timotheus 3,1-13
  20. Hiob 1,1. Wird später im Text mehrfach bestätigt.
  21. Die Geschichte Davids wird ab Samuel Kapitel 6 erzählt und in den Chroniken wiederholt. Eine erstaunliche Biographie eines interessanten Mannes.
  22. Siehe hierzu auch Gene Edwards: Der Stoff aus dem Könige sind.
  23. Matthäus 19,1-9 Im Midrasch aber befindet sich der Rest der Auseinandersetzung, die von verschiedenen Rabbinern ausgetragen wurde.
  24. Viele werden in der Bibel gerecht erklärt. Aber nicht aufgrund ihrer Werke sondern aufgrund ihres Glaubens.
  25. Zum Beispiel Jesaja 58,6f. oder Hosea 6,6
  26. Die Welt in der Bibel ist exakt zwei Kapitel gut. Die ersten beiden Kapitel der Genesis. Dann folgt die erste Zielverfehlung.
  27. Zum Beispiel Römer 3,10
  28. Zum Beispiel Apostelgeschichte 15,10-11
  29. Die Bibel J, insbesondere die Evangelien und der Römerbrief.
  30. Also haben sie letztendlich das Ziel gerade nicht verfehlt. Sie konnten zwar vor dem Gesetz nicht bestehen, aber durch den Glauben sind sie frei geworden.
  31. Hesekiel 36,26
  32. 2. Korinther 3,18
  33. Der Missionsbefehl: Matthäus 28,18-19
  34. sagt Karl Barth irgendwo und ich weiß leider nicht wo oder wo ich das Zitat her habe …
  35. Wie bei Marek und der Zauberer

1 Kommentar

  1. Sehr gut geschrieben – ein mega wichtiges Thema!

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