Dan Wells // Active Memory

Active Memory ist ein Who-Done-It-Krimi in einer düsteren, fast schon dystopischen Cyber-Punk-Welt der Zukunft, ein paar Hackerinnen, die wie die drei Fragezeichen oder TKKG Verbrechen aufklären.

  • darum lesen: tolles Setting, viele Details, gute Dialoge, handwerklich top
  • darum nicht lesen: auschließlich Charaktere, die den wichtigsten Schönheitsidealen entsprechen, thematisch flach

Mich hat an Active Memory in erster Linie das Setting interessiert: Hacker, kybernetische Gliedmaßen, Genmanipulation, High-Tech. Dazu gigantische Molochstädte, Korruption, Gangsterclans. Geil. Darin wurde ich das gesamte Buch über auch nicht enttäuscht. Das Setting ist nicht nur Staffelei, Dan Wells hat sich Gedanken gemacht und geht tief ins Detail. einen Sinn für Details:

„Ich entdecke Blutpartikel in der Luft“, sagte Olaya [als Marisa das elektronische Gehirn eines Gansters bei sich im Kinderzimmer auseinandernimmt. Olaya ist sowas wie ein Hausroboter]. „Bist du verletzt?“ „Nein“, antwortete Marisa und warf einen raschen Blick zur Tür. „Nein“, wiederholte sie. „Es geht mir gut, tu gar nichts! Und sag es niemandem!“ „Das werde ich nicht tun“, antwortete Olaya. „Hast du es schon jemandem gesagt?“ „Nein.“

Das ist keine spekakuläre Stelle. Schon klar. Aber sie trägt auf den ersten Blick nichts zur Geschichte bei. Passiert ja nichts. Deswegen würden viele Autoren nicht darüber schreiben. Aber obwohl nichts passiert, steckt in diesen paar Zeilen eine ziemlich komplexe Beschreibung der Welt.

ich finds großartig.

Active Memory ist der dritte und scheinbar letzte Band von Dan Wells Mirador-Serie, die in den 50er-Jahren des 21. Jahrhundert in dem überproportional gewachsenen Los Angeles spielt. Marisa und ihre Freundinnen sind Hacker und E-Sportlerinnen – allesamt ohne äußerliche Makel. Denn kybernetische Arme und dergleichen sind in dieser Welt etwas vollkommen Normales. Auch die wenigen charakterlichen Schwächen lassen sich allesamt eher unter sympathische Ticks einordnen. Ansonsten sind die Charaktere ziemlich perfekt und verändern sich auch während des Buches nicht. Lediglich die Beziehung zwischen Marisa und Omar ist in Bewegung. Ziemlich langweilig also, glücklicherweise strickt Dan Wells ne spannende Geschichte und erzählt diese routiniert.

Active Memory – die Geschichte

Die abgehackte Hand Omars Mutter taucht auf. Das ist seltsam, weil diese bei einem Autounfall 15 Jahre zuvor gestorben war. In dem Auto saß damals auch Marisa und verlor dabei ihren Arm. Marisa und ihre Hackerfreundinnen wollen den mysteriösen Fall aufklären und dabei im Optimalfall etwas über Marisas Vergangenheit erfahren.

Die Geschichte wird ziemlich groß: Megakonzerne, Korruption, Gangkriminalität, Organhandel, genmanipulierte Geheimagenten, … Dan Wells fährt einiges auf. Seinen stetig steigenden Spannungsbogen garniert er mit Twists, der Höhepunkt ist nach drei Vierteln des Buches erreicht, das Finale ist aber vergleichsweise schwach. Zu viel Action, zu wenig handlungsimmanente Spannung.

Stärken und Schwächen

Alles, was ich bisher geschildert habe, ist weitgehend Geschmackssache. Das Buch hat aber einige ganz spezifische Stärken und Schwächen. Zu ersteren gehören die Dialoge – auch weil Dan Wells es sich einfach macht und die Figuren sich nicht sehr stark unterscheiden. Die eine Hackerin ist etwas vorlauter und witziger, die andere etwas zurückhaltender. Das wars. Die Dialoge machen trotzdem Spaß – sofern es sich nicht um Chatdialoge handelt, die furchtbar schlecht gesetzt sind. Sie werden nämlich kaum markiert und so muss man bei den Chat-Sequenzen dauernd mitdenken, wer jetzt was gesagt hat und wann genau die Erzählstimme einsetzt. Man gewöhnt sich dran, klar, hätte man aber dennoch besser machen können.

Diese Schwächen machen das erste Kapitel kaum lesbar. Hätte das Buch am liebsten direkt wieder weggelegt. Für mich als Neueinsteiger in die Serie waren das einfach zu viele ähnliche Charaktere, die wirre Chatkommunikation tat den Rest. Aber gut, ist ein Rezensionsexemplar und ich wollte die Sache durchziehen.

Richtig Spaß hat mir dagegen gemacht, nach Fehlern zu suchen. Scheinbar hat Dan Wells absichtlich falsche Fährten gelegt. Immer wieder deuten sich Storyfehler an, die dann aber ein paar Zeilen später selbstironisch aufgelöst werden. Gut, ganz ohne Schwächen kommt auch dieses Buch nicht aus: Warum beispielsweise kommen diese hochbegabten Teeniehacker nicht selbst auf die Idee, die Metadaten der Videos auszulesen? Tut der Geschichte und dem Lesevergnügen aber keinen Abbruch.

Die Mirador-Buchreihe

Die Mirador-Reihe bestent aus drei Bänden und soll mit Active Memory abgeschlossen sein. Dafür gibt es eigentlich keinen Grund. Ich meine, die Mädchen erleben so schon unrealistisch viel. Gangs, Konzerne, Killer … alles kein Problem. Da könnte man problemlos noch einen draufsetzen. Marisas Vergangenheit ist nach Active Memory weitgehend aufgearbeitet, aber zu erzählen gäbe es schon noch mehr. Aber gut, geht mich ja nix an und ist mir eigentlich auch wurscht. Active Memory ist zwar kein schlechtes Buch, aber um mich für die anderen Teile der Reihe zu begeistern, fehlt mir die inhaltliche Tiefe. Zwar werden der Umgang mit Medien angesprochen, gewisse gesellschaftliche Entwicklungen weitergesponnen und hinterfragt, aber das ist nur ein weiteres Element, das zu einem stimmigen Bild und einem interessanten Setting beitragen soll. Diese Fragen werden nicht wirklich erörtert.

Dan Wells // Active Memory
Kindle-Version 2018 // Rezensionsexemplar
Piper // Balzer + Bray
432 Seiten

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