Brian Stöger // Hybrid Vektor

Hybrid Vektor Buchcover

Superheldenfähigkeiten, Science-Fiction-Technik und ziemlich viel Action. Das ist ganz grob der Thriller Hybrid Vektor von Brian Stöger. Teil 2 einer (wahrscheinlich) Trilogie, funktioniert aber prima als eigenständiges Werk.

  • darum lesen: spannend, unterhaltsam, geht richtig gut ab
  • darum nicht lesen: manch einem vielleicht zu blutig

Hybrid Vektor ist ein ziemliches Schwergewicht. Weit über 500 Seiten, sehr eng bedruckt (andere Verlage hätten locker 700 bis 800 Seiten draus gemacht), etwa ein Kilogramm Buch (quasi optimale Lektüre fürs Fitnessstudio). Auch inhaltlich ist das Buch eine Wucht. Ich werde von der Geschwindigkeit und der Dynamik weggepustet. Und das ist bei der Länge des Buches wirklich eine respektable Leistung.

Hybrid Vektor ist im Grunde ein X-Men-Film in Buchform. Da gibts Menschen (bzw. Hybriden), die aufgrund irgendwelcher Experimente eines Pharamaunternehmen Superfähigkeiten haben. Sie regenerieren übermäßig schnell, können Gedanken lesen, haben telekinetische Fähigkeiten, können sich unsichtbar machen und so weiter. Warum es diese Experimente gibt, erfahren wir in Hybrid Vektor nicht, allerdings wird angedeutet, es gehe darum, Menschen unsterblich zu machen. Aber irgendwas lief schief und zumindest ein Teil der Hybriden konnte entkommen. Die Firmenbosse stufen das als Sicherheitsrisiko ein, das beseitig werden muss.

Nu und jetzt kloppen sich die Mutanten und die superkrassen Spezialeinheiten in aller Öffentlichkeit und legen dabei die halbe Stadt in Schutt und Asche. Dabei dreht Brian Stöger meines Erachtens ein paar Schleifen zu viel. Das Buch ist im Grunde aufgebaut wie ein Computerspiel: Videosequenz, die die Story zeigt –> Spielelevel –> Videosequenz –> nächstes Level. Die Kampfszenen oder Level spielen an allerhand interessanten Orten: Krankenhaus, Einkaufszentrum, Schlachterei, alte Fabrik und natürlich werden die Gegner immer schwerer, wie sich das für ein gutes Computerspiel eben gehört. Aber im Buch hätte es nicht ganz so viele Level gebraucht. Das ist freilich jammern auf hohem Niveau, denn der Autor kann halt einfach schreiben. Es macht ja trotzdem Spaß, dabei zu sein, wie die fiesen Soldaten auseinandergenommen werden.

Genre? Actionthriller!

Der Buchrücken behauptet übrigens, es handele sich um eine Melange aus Drama, Action und Coming-of-Age-Story. Eher unpassend. Letzteres geht gar nicht, weil das Buch innerhalb weniger Wochen spielt. So schnell werden nicht mal Hybride Erwachsen. Mit „Drama“ ist vielleicht gemeint, dass es die Figuren auch abgesehen von all dem Geballer nicht leicht haben und bspw. mit Homophobie zu kämpfen haben oder erst rauskriegen müssen, was „Familie“ für sie bedeutet und wer zu dieser Familie gehört. Das sind aber erstens wirklich nur Randthemen und es gehört zweitens zu einem guten Buch halt auch einfach dazu, dass die Figuren tatsächlich auch ein Leben jenseits des Plots haben. Egal, um welches Genre es sich handelt. Insofern hat Brian Stöger sicherlich einen guten, marktreifen und auch mainstreamtauglichen Action-Thriller geschrieben, sicherlich aber kein Drama und erst recht kein Coming-of-Age.

Allerdings – und das ist wieder etwas, was ich wirklich lobenswert finde – trotz all der Kampfszenen, Superkräfte, abgetrennten Gliedmaßen, Hightechwaffen und des Machogeblubbers legt Herr Stöger viel Wert auf eine glaubwürdige und interessante Entwicklung seiner Figuren. Was halt in fünf Tagen Jagd durch eine Großstadt so möglich ist. Es macht Spaß zu lesen, wie sich Alice und Sam entwickeln.

Kleinere Schwächen

Wie es sich für Actionstoff gehört, ist die Action absolut übertrieben, die Logik darf im Zweifel eine Pause machen und es gibt markige Sprüche, die gerne auch mal aus dem Mund einer Figur kommen dürfen, die sowas in einer gelungenen Charakterstudie sicherlich niemals sagen würde. Mich nervt sowas ehrlich gesagt eher, aber es passt absolut zum Stoff. Die kleinen Plotfehler muss ich schon suchen, um sie zu finden:

Spoiler-Alarm: kleinere Plotfehler als Beispiel

  • Wer an Geheimhaltung interessiert ist, sollte keine Mutanten mit thelepatischen Fähigkeiten herstellen.
  • Gravitation kippen? What? OK, das darf sich aber nicht nur auf Menschen auswirken, sondern dann auf alles in der Umgebung.
  • Alice hat einen Polizisten getötet und greift weitere an. Warum wird sie nicht erschossen? Das passiert erst, als es dem Autor scheinbar in den Kram passt.
  • Die Hybriden sind übertrieben stark und brauchen deswegen natürlich ein Gegengewicht. Aber warum sind die Spezialeinheiten so stark? Dafür gibt es keinen plotimmanenten Grund. Mit anderen Worten: Warum sollte sich ein Unternehmen sich eine kleine Armee halten, die besser ausgestattet ist, als jede echte Armee? Und was macht diese megakrasse Spezialeinheit eigentlich, wenn zufällig grad keine Hybriden gejagt werden müssen?
  • Leon schleust sich unheimlich aufwenig über Jahrzehnte hinweg bei dem Pharmaunternehmen ein. Wozu? Er hat keinen Plan und keine Mitstreiter.

Dann gibt es einige kleinere sprachliche Schwächen. Da reicht beispielsweise die unendliche Energie nur bis nachts um drei, eine Figur hat trotz Deo Schweiß im Gesicht oder eine Wasserwaage misst, wie flach eine Oberfläche ist. Aber auch das ist verzeihlich.

Ein größeres Problem war für mich, dass ich die Motive der Figuren nicht erkennen konnte. Insbesondere Sam und Alice reagieren das halbe Buch eigentlich nur. Ok, sie wollen ein normales Leben führen. Aber das, was sie dafür möglicherweise tun könnten, spielt im Buch keine Rolle. Sie werden eigentlich nur von Zufällen, anderen Hybriden und den Söldnern hin und her geschubst, bis sie sich dann irgendwann wehren. Aber dieses Selbst-aktiv-werden ist halt nicht Thema das Buches, sondern lediglich Teil des Schlusses.

Thema: Mittel/Zweck

Wo wir grad beim Thema sind: Das Buch beschäftigt sich viel und zwar oftmals subtil mit der Frage, welche Mittel in Ordnung sind, um ein Ziel zu erreichen. Während am Anfang die Figuren noch ethische Streitespräche führen und sich über Gewalt zum Teil entsetzen, bleibt am diese am Ende einzige praktikable Problemlösungsstrategie. Hauen, Ballern, Energie aussaugen. Einen anderen Weg geht nur, wer bereits verloren hat und seiner Macht berabt wurde (Chaos). Einziger Lichtblick ist die Polizistin Karla. Das heißt aber nicht, dass das Buch keine Helden zu bieten hätte. Es ist eher so, dass die Grenzen zwischen Gut und Böse zunehmend verschwinden. Am Schluss gibts nur noch die Oberbösen und diejenigen, die sich nicht anders zu helfen wussten, als ebenfalls böse zu werden. Und das finde ich sehr gut, denn üblicherweise dürfen Figuren in bspw. Actionfilmen soviel morden, wie sie nur wollen, problematisiert wird das nicht. In Hybrid Vektor äußern die Figuren zumindest Bedenken und haben Gewissensbisse. Wo ich das so niederschreibe, merke ich: Hätte mir gut gefallen, wenn diese pessimistische, düstere Grundaussage sich mehr in der Stimmung, im Stil und im Äußeren wiedergefunden hätte.

Ein zweites größeres Thema ist die Frage der Zusammenarbeit. Auf der einen Seite stehen die bestens und streng hierarchisch arbeitenden Pharma-Söldner, die zwar zusammenarbeiten aber sich nicht füreinander einsetzen. Auf der anderen Seite die chaotischen Hybriden, die alleine und zum Teil sogar gegeneinander arbeiten und weitgehend planlos agieren. Eine Chance haben sie erst, als sie anfangen, ihre jeweiligen Stärken fürs Kollektiv und für ein gemeinsames Ziel einzusetzen – und sich darüber hinaus sogar selbst opfern. Es passt zum Buch, dass sie sich dieses Ziel nicht selbst aussuchen, sondern es ihnen aufgezwungen wird: irgendwie überleben.

Was ich als unpassend empfinde, sind die Ansätze von Kritik am Kapitalisums und an den Sozialen Medien. Mal ehrlich: wenn du jeden Moment umgenietet werden kannst, sind beide Themen ziemlich irrelevant. So wirkt die Kritik etwas übergestülpt, als ob sie dem Autor unter den Nägeln gebrannt hätte und er sie unbedingt mal loswerden wollte.

Hybrid Vektor ist ein großartiges Buch, das ich meistens sehr gerne gelesen habe. Und das, obwohl das Genre nicht gerade mein Favorit ist. Tatsächlich habe ich das Buch so gerne gelesen, dass ich mir den ersten Band wahrscheinlich kaufen werde und hoffe, den dritten ebenfalls rezensieren zu dürfen.

Brian Stöger // Hybrid Vektor
1. Auflage 2018 (Rezensionsexemplar)
Die Basis
540 Seiten

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