Barack Obama // Wo wir stehen

Barack Obama // Wo wir stehen
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Wo wir stehen ist ein kleines Büchlein, der Abdruck einer Rede, die Barack Obama am 7. September 2018 an der University of Illinois anlässlich der Entgegennahme des Douglas Award for Ethics in Government hielt. Es handelt sich bei der Rede außerdem um einen Wahlkampfbeitrag anlässlich der Midterms.

  • Darum lesen: kurz, gut, wichtig.
  • Darum nicht lesen: bei all der Kürze dennoch etwa die Hälfte Wahlkampfgeblubber und Trump-Gebashe

Obama redet in Wo wir stehen über die Geschichte Amerikas und der Demokratie und reißt an, wie sich die derzeitige politische Lage unter Donald Trump entwickeln konnte. Er schimpft über Trump und die Verfassung der konservativen republikanischen Machtelite, lobt die Leistung seiner eigenen Regierung.

Barack Obama, Wo wir stehen
President Barack Obama, offizielles Porträt 2012. Foto: Pete Souza

Anschließend plädiert er für Demokratie, für Streitkultur, für langsame Prozesse der Veränderung, für den Glauben an eben jene und dafür, dass Amerika seine eigenen Ideale nicht vergessen dürfe, wenn sich Amerika denn zum Guten verändern solle. Um genau zu sein, sollen die Menschen wählen gehen, sich am Diskurs beteiligen, nicht nur politsch aktiv werden und die Hoffnung nicht aufgeben. Er meint allerdings nicht die Hoffnung auf einen Wahlsieg der Demokraten, sondern Hoffnung auf Demokratie, Gleichberechtigung und Chancengleichheit. Um dieses Anliegen zu unterstreichen und nicht etwa in den Verdacht der Schwarz-Weiß-Malerei zu kommen, kramt Obama noch einmal in der Geschichtstruhe und sucht positive und negative politische Beispiele sowohl aus den Reihen der Demokraten als auch der Republikaner.

Die Rede ist ein wichtiger Beitrag zur Lage in Amerika. Aber auch für uns in Deutschland ist sie interessant. Gewisse Tendenzen sind ja auch bei uns zu beobachten – Stichwort AfD. Und einen Grundgedanken der Rede Obamas griff auch Bundespräsident Steinmeier in seiner Weihnachtsansprache auf: Den der Diskussionskultur. Einerseits an seinen eigenen Werten festzuhalten, andererseits andere nicht unterzubuttern, nur weil diese andere Werte vertreten. Sich nicht damit zufrieden zu geben, andere auf den sozialen Medien der Dummheit, Unkenntnis oder Zugehörigkeit gewisser Gruppen zu bezichtigen, sondern sich auf einen ehrlichen und integeren Streit einzulassen.

Wir werden es nicht schaffen, wenn wir dem, was andere zu sagen haben, immer gleich mit Missbilligung begegnen. Weil diese anderen nicht so sind wie wir, weil sie weiß sind oder schwarz oder weil sie Männer sind oder Frauen weil sie schwul sind, lesbisch oder hetero. Wenn wir denken, dass sie unsere Ansichten sowieso nicht verstehen und deswegen nicht berechtigt sind, sich zu bestimmten Dingen zu äußern, nur weil wir festgelegt sind auf ein paar äußerliche Merkmale.

Barack Obama

Wer das Buch nicht lesen mag, aber dafür gut englisch kann, darf sich die Rede auch gerne auf Video ansehe (etwa ab 5:20):

Wo wir stehen: Kurzanalyse

Abgesehen vom Geplänkel zu Beginn besteht Obamas Rede aus drei Teilen:

  1. Mit Amerika geht’s den Bach runter (Gegenwart)
  2. Amerika kann das überstehen, wenn alle aufstehen und insbesondere wählen (Zukunft)
  3. Haben schon andre Dinge überstanden (Vergangenheit)

Da stelle ich mir direkt die Frage, worin der großartige Unterschied zu beispielsweise dem Make-America-Great-Again-Wahlkampf von Trump besteht. Ich meine, Obama möchte Amerika ja scheinbar auch wieder great machen, nur dass Obama damit halt die Demokratie und den Amerikanischen Traum meint und Trump … naja … irgendwas anderes.

Obama gibt sich große Mühe, den Unterschied zwischen sich und Trump deutlich zu machen. Easy. Schaut euch das Video seiner Rede an und dann eine x-beliebige Trump-Rede auf Youtube. Obamas Mittel der Wahl in dieser Rede ist allerdings die Diskreditierung. Es soll kein Zweifel darin bestehen, wer der Böse und wer der Gute ist. Obama zählt vorsichtshalber auf, welche Verdienste er als Präsident angesammelt hat und welche davon noch auf die Erfolge der aktuellen Regierung abfärben. Die Abstrusitäten des Weißen Hauses unter Trump verpackt er nicht sehr mühevoll hinter vorgeblich neutralen Formulierungen.

Wir wissen, dass wir in einer kleiner gewordenen, stärker miteinander vernetzten Welt die Technologie nicht mehr einfach zurück in die Büchse der Pandora stecken und auch nicht einfach eine Mauer rund um Amerika bauen können.

Außerdem lobt er ausdrücklich auch konservative Politiker und kritisiert Demokraten – allerdings nur jene vergangener Zeiten. Während die aktuelle Lage der Nation natürlich den Konservativen zuzuschreiben ist. Und für diese Lage findet Obama drastische Worte wir Depression oder Krieg.

Um Amerika und die Demokratie zu retten, gibt es in erster Linie ein Mittel: Die Wahl. Das ist eine respektable Sichtweise, aber letztendlich wurde ja auch Trump gewählt. Was also dahinter steckt, ist die Unterstellung, Trump könne gar nicht wirklich der Präsident der USA sein, er wurde es nur, weil nicht ausreichend gute Wähle zur Wahl gegangen sind. Obamas zweites Mittel erscheint mir bedeutender zu sein: Der Diskurs. Er ruft seine Zuhörer auf, sich nicht in Splittergruppen spalten zu lassen, beschwört die Einheit und Verständnis für andere auf. Er fordert, andere nicht voreilig in Schubladen zu stopfen. Und den Dialog aufgrund der Schubladen nicht in eine einseitige Richtung kippen zu lassen.

Wenn Demokratie funktionieren soll, müssen wir in der Lage sein, uns in Menschen hineinzuversetzen, die anders sind, die andere Erfahrungen gemacht haben und die aus anderen Kontexten kommen.

Douglas Awards for Ethics in Government

Paul H. Douglas war Senator für Illinois. Im Jahr 1992 verlieh die University of Illinois den Douglas Award for Ethics in Government zum ersten Mal und zwar anlässlich des 100. Geburtstag des ehemaligen Senators. Seitdem wird jährlich eine Person geehrt, die sich besonders durch Fairness in der Politik und durch Verständnis für andere Meinung und gegnerische Positionen ausgezeichnet hat. Bisherige Preisträger waren unter anderem Ben Bernanke, Abner Mikva, Sandra Day O’Connor oder Barbara Mikulski. So wichtig richtig Obamas Aussagen in Wo wir stehen sind, frage ich mich doch, ob diese Rede mit all seinen Spitzen, seinen offenen und versteckten Angriffen gegen Trump zu dieser Preisverleihung passt.

Barack Obama // Wo wir stehen
2. Auflage 2018
Suhrkamp // The Office of Barack and Michelle Obama
58 Seiten

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