David Fitzgerald // Nailed

Dem polemischen Titel folgt ein polemischer Text, der nicht das Werk eines Historikers ist, der Hintergrundinformationen zu einem der größten Mysterien unserer Welt gesammelt hat. Sondern eher von einem Atheisten, der anderen Atheisten Argumente liefern möchte. Um fair zu sein: Durch dieses Buch und die Beschäftigung mit Gegenargumenten habe ich eine Menge gelernt.

  • Take-Away: Wir leben in einer post-faktischen Welt, in der jeder behaupten kann, was er will und das auch noch als Wissenschaft verkauft.
  • Ein Buch für: Atheisten, die keinerlei Wert auf eine fundierte und faire Argumentation legen.

Fitzgeralds Negativität trieft nur so zwischen seinen Zeilen hervor. Erstaunlich, über wie viele Christen er sich im Abspann positiv äußert und zu denen er scheinbar ein freundschaftliches Verhältnis verbindet. Redet er mit ihnen, wie er schreibt? Vielleicht meint er es ja nicht ernst, vielleicht ist seine Negativität kalkulierter Schreibstil.

Seiner Meinung nach sind die Autoren der Bibel jedenfalls allesamt Spin-Doktoren, die stehlen und betrügen, klauen und lügen. Das hat in erster Linie einen Grund: Fitzgerald findet kein kohärentes Bild in all den vielen Texten über Jesus und das frühe Christentum. Kein Wunder, das dürfte jedem so gehen. Aber anstatt ein solches zu suchen und auf Plausibilität zu untersuchen, wie es ein neutraler Historikers täte, zerstört Fitzgerald einfach nur. Dass seine Argumente sich gegenseitig ausschließen, stört ihn nicht.

Hat Josephus Flavius über Jesus geschrieben? Fitzgerald sagt nein (eine vertretbare Meinung) und selbst wenn, sei er kein Augenzeuge gewesen (was stimmt) und insofern nicht relevant. Wenige Kapitel später ist Flavius aber plötzlich Kronzeuge, der unzweifelhaft beweist, das Pontius Pilatus in den Evangelien vollkommen unrealistisch dargestellt wird. Also was denn nun?

An anderen Stellen zitiert Fitzgerald die Bibel missverständlich. Wenn er zum Beispiel die Aussage Jesu, seine Jünger müssten ihr Kreuz auf sich nehmen, als gefälscht einschätzt, weil diese Aussage vor der Kreuzigung für seine Jünger ja keinen Sinn mache. Mag sein, wenn man die Aussage isoliert betrachtet. Der Sinn jedoch ergibt sich problemlos aus dem biblischen wie auch historischen Kontext, in dem die Aussage getätigt wurde.

Er widerlegt christliche Argumente, die niemand anführt (oder doch? vielleicht Christen, die Fitzgerald kennt, aber keine ernsthaften Apologeten, die ich kenne). Er listet Autoren auf, die angeblich über Jesus hätten schreiben müssen, hätte er existiert, die allerdings gar keine Schreiber waren oder weit entfernt lebten. Er behauptet, von zahlreichen Autoren fehlen ausgerechnet jene Bände, die über die Zeit Jesu berichten könnten und impliziert, die frühe Kirche hätte sie vernichtet, weil die Autoren genau das eben nicht tun. Überhaupt hatte die frühe Kirche Fitzgeralds außerordentlich viel Macht, konnte beliebig Bücher verschwinden lassen, Schriften so manipulieren, dass plötzlich alle Abschriften entsprechende Änderungen beinhalten und andere Schriftreihen komplett erfinden. Ein redaktioneller Apparat allerhöchster Güte. Und wiederum wenige Seiten entfernt handelt es sich bei der frühen Kirche plötzlich um einen lächerlichen Haufen, zersplittert und vollkommen irrelevant.

Wo hat er ähnlich geschludert, welche Logikfehler in seiner Argumentation habe ich übersehen? Keine Ahnung. Ich suche nicht danach. Aber ich vertraue ihm auch nicht.

Im großen und ganzen hat der Autor ein einziges Argument: Es gibt keine Quellen abgesehen von den Evangelien. Das trägt er zwar mit erstaunlicher Detailverliebtheit vor und in vielerlei Variation. Es bleibt aber bei diesem Argument. Und das finde ich ja immer ziemlich schwach. Einfach gesagt: Es gibt keine Quellen, abgesehen von den Quellen, die es gibt. Gähn. Immerhin kennt Fitzgerald auch die vielen Quellen, die es nicht in den Kanon der Bibel geschafft haben. Es passt aber zur gesamten Argumentationskette, dass beispielsweise das Thomasevangelium einerseits als klare Fälschung abgetan – und gleichzeitig als klares Argument gegen die Bibel akzeptiert wird.

Schade, dass Fitzgerald nicht seine Version der Geschehnisse präsentiert. Gut, das würde leichte Angriffsfläche bieten – beispielsweise durch Historiker, die einfach nur nach Widersprüchen suchen, wie er einer ist – also lässt er es bleiben. Aus dem, was ich mir zusammenreimen kann, hält er das Christentum für eine Erfindung von Paulus, Petrus und Johannes dem Täufer, die zunächst kleinere Gruppen um sich scharten und dann durch Reisen und Briefe ihren Glauben verbreiten wollten, sich dabei aber in die Quere kamen. Um ihre jeweilige Sicht der Dinge zu stützen, ließen sie oder ihre Jünger oder Nachfahren weitere Texte schreiben, zu denen eben auch die Evangelien gehörten. Und wo es nur ging, wurden andere Texte vernichtet, gefälscht, erfunden.

Lesenswert ist dazu die Amazon-Rezension von David Marshall, Missionar, Apologet, Denker und Autor: Not even bad scholarship

Mit einer ähnlichen Thematik, aber neutral, beschäftigt sich F.F. Bruce in seinem Werk: Außerbiblische Zeugnisse über Jesus und das früher Christentum.

David Fitzgerald // Nailed
Kindle Edition 2010
Lulu Verlag
248 Seiten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.