Marcus Aurelius // Selbstbetrachtungen

Marcus Aurelius // Selbstbetrachtungen

Die Selbstbetrachtungen sind ein faszinierendes Buch, auf ganz verschiedenen Ebenen. Und immer wieder dachte ich mir: Ach hätte der gute Aurelius doch jemanden gehabt, der ihm den christlichen Glauben etwas näher gebracht hätte.

  • Take-Away: Zieh dir erstmal den Balken aus deinem Auge.
  • Ein Buch für: Philosophiefans, Menschen auf dem Selbstverbesserungstrip

Ohne Jesus ist dieses Buch irgendwie hoffnungslos. Das merkt sogar Aurelius selbst. Er jagt seiner eigenen Selbstoptimierung hinterher, wie es so viele Menschen heutzutage ebenfalls tun. Was bleibt ihnen auch anderes übrig? Nur: wir können uns selbst nicht an den Haaren aus dem Sumpf von Vorurteilen, gefühlsgesteuerten Reaktionen, Hass und Vergeltung herausziehen. Aurelius merkt das, als er gegen Ende des Buchs fleht:

O meine Seele! Wirst du denn nicht endlich einmal gut und lauter und einig mit dir selbst?

Und das nachdem er schon über dutzende Seiten sich selbst gebetsmühlenartig zugeredet hat, gut zu sein und vernünftig zu handeln und in sich selbst zu ruhen, weil es ohnehin nicht wirklich etwas gäbe, was außerhalb seiner selbst existiere, weil ja alles in der Allnatur verbunden sei.

Dabei ist Marcus Aurelius Ansatz gut. Die Philosophie der Stoiker hat ihn überzeugt und hätte ja auch das Potenzial, ihn zu einem besseren Menschen zu machen. Und da erinnert er sich an seine Bildung und die Aussagen der stoischen Philosophen und schreibt sie sich selbst auf. Er sagt sich die Dinge nicht nur vor, er befiehlt sie sich förmlich selbst in Schriftform.

Für den Leser wird das bald langweilig, denn er wiederholt sich recht schnell. Allnatur, wir werden sowieso alle sterben, es ist alles nur eitles haschen nach Wind, handle vernünftig, Allnatur, alles ist in Harmonie, nichts böses kann dir widerfahren, es ist eh alles eins, Allnatur, wir werden alle sterben, das Leben ist kurz, handle selbst vernünftig und gut, kümmere dich nicht so sehr um die anderen, Allnatur, selbst wenn dich einer mies behandelt kannst du noch gut handeln, Allnatur, wir sterben alle, …

Seine Aussagen haben oftmals relativ viel mit der christlichen Leere zu tun. Mal abgesehen von dem seiner Ansicht nach durchaus erwägenswerten Freitod und der Gleichgültigkeit mit der er im Endeffekt Unrecht begegnet, das ja letztendlich auch nur Schicksal sei. Aber die christliche Leere hätte ihm zusätzlich noch so viel mehr erklären können und er wäre vielleicht nicht in diesem Gefängnis der Selbstperfektion gefangen gewesen. Und hätte vielleicht erkannt, dass uns nur Jesus wirklich tiefgreifend verändern kann. Marc Aurel hat die christliche Leere sicher in Ansätzen kennengelernt – nur ließ er Christen lieber verfolgen, anstatt sich tiefer mit der Guten Nachricht auseinanderzusetzen.

Andererseits hat ihn seine Einstellung sicher zu einem guten Kaiser in seiner Zeit gemacht. Immerwieder erinnert er sich selbst daran, sich seine Postion nicht zu Kopf steigen zu lassen und bescheiden und demütig zu bleiben. Ich hätte ihn gerne mal kennengelernt, diesen Marcus Aurelius, der übrigens auch im Film Gladiator eine Rolle spielt – zumindest wenn er mir zugesichert hätte, mich als Christ nicht direkt in den nächsten Zirkus zu stecken.

 

Einige gute Aussagen aus seinen Selbstbetrachtungen:

  • Lass die Bücher, die Zerstreuung, es fehlt dir die Zeit. Betrachte dich als einen, der in Begriff ist, zu sterben.
  • Es ist noch nie jemand unglücklich geworden, weil er sich nicht um das, was in der Seele eines andern vorgeht, gekümmert hat.
  • Mit der Unterdrückung der Klage: „Man hat mir Böses getan“ ist das Böse selbst unterdrückt.
  • Alles vergeht und wir bald zu Märchen und sinkt rasch in völlige Vergessenheit.
  • Stelle dir die Welt als ein Geschöpf vor, das nur aus einer Materie und aus einem einzigen Geiste besteht.
  • Was dem Staate nicht schädlich ist, schädigt auch den Bürger nicht.

Naja, das muss jetzt dann aber auch mal reichen.

Marcus Aurelius // Selbstbetrachtungen
deutsche Übersetzung von Albert Wittstock 1949 // 180
Reclam
188 Seiten

 

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