Freddy Derwahl // Der letzte Mönch von Tibhirine

Freddy Derwahl // Der letzte Mönch von Tibhirine

Und auch du bist eingeschlossen, Freund meines letzten Augenblicks, der du nicht weißt, was du tust! Ja, auch dir gilt dieser Dank und dieses Adieu, das du beabsichtigt hast. Dass es uns geschenkt sei, uns als glückliche Schächer im Paradies wiederzusehen, wenn es Gott, der Vater von uns beiden, gefällt. Amen. Inch‘ Allah.

  • Take-away: Sich selbst zurücknehmen, den anderen achten, das Urteil Gott überlassen. Das ist der Weg zu Frieden.
  • Ein Buch für: Besorgte Bürger, AFD-Wähler, urteilende Christen

Vor seiner Entführung und Hinrichtung durch islamistische Extremisten schrieb Christian de Chergé, französischer Trappisten-Mönch in Algier, seinen letzten Willen auf. Und endet damit, dass er seinem Mörder wünscht, ihn im Paradies wiederzusehen. Wow.

Die Geschichte des Klosters Tibhirine und der sieben Mönchte, die entführt und enthauptet wurden, ist eine Geschichte der Feindesliebe, die man so eigentlich nicht nennen kann, weil die Mönche selbst die Extremisten nicht als Feinde sondern als Brüder ansahen. Es ist eine Geschichte der Selbstaufopferung, des absoluten Gottvertrauens nicht nur in dieser sondern auch in allen anderen Welten. Es ist die Geschichte einiger Männer, die bereit waren, in den Tod zu gehen, wenn sie damit nur Brücken schlagen könnten.

Freddy Derwahl war einst selbst Anwärter im Kloster in Tibhirine. Um das Buch zu schreiben reiste er für sechs Wochen in das Nachfolgekloster nach Marokko um dort Jean-Pierre Schumacher zu treffen, der die dramatischen Ereignisse überlebte. In der letzte Mönch von Tibhirine schreibt er seine Geschichte auf. Seine Jugend, seine Klosterzeit und über die Zeit nach der Entführung. Die Berichte werden unterbrochen von Derwahls Tagebucheinträgen während seiner Recherchezeit im Kloster. Das wirkte auf mich am Anfang etwas befremdlich, also ob er nicht ausreichend echten Stoff zusammengebracht hätte. Aber diese Tagebucheinträge verschaffen ihm eine weitere Erzählebene, auf der er kommentieren kann und die Ereignisse aus einer anderen Entfernung betrachten kann. Das Erzählformat erwies sich letztendlich als gewinnbringend.

Ich finde, das Buch ist eine gute Kombination zum Film Von Menschen und Göttern, der die Geschichte ebenfalls erzählt, aber das Ringen der Mönche um eine Entscheidung, ob sie aus der bedrohlichen Situation fliehen sollen oder lieber bei ihren Muslimischen Mitbürgern bleiben wollen, in die Mitte stellt. Er endet mit der Entführung, der Ausgang derselben bleibt im Film offen. Jean-Pierre Schumacher spielt im Film nur eine Nebenrolle – war aber selbst vom Film zu Tränen gerührt. Solche Dinge erfährt man im Buch.

Das Buch ist recht hochwertig aufgemacht. Besonders gut gefällt mir der geprägte Buckdeckel. Die Tagebucheinträge sind auf graues Papier gedruckt. Der Satz ist angenehm luftig. Würdevoll. Dazu gibt es gute Fotografien von Zanzottera.

 

Es geht nicht darum, ob die Mönche in ihrer Art, mit Moslems zu leben und auf aktive Mission zu verzichten, mit ihrer Marienverehrung und ihrer Selbstaufgabe theologisch richtig handeln. Sie verweigern ein Urteil. Und die letzte Konsequenz daraus ist, sich abschlachten zu lassen. Sie wollen nicht siegen. Sie wollen nicht überleben. Sie wollen gehorsam sein, ihre Mitmenschen lieben und alles andere Gott überlassen.

Freddy Derwahl // Der letzte Mönch von Tibhirine
1. Auflage 2012
adeo Verlag
170 Seiten + 16 Seiten mit Farbfotografien

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